Andachten

Andacht für die 3. Woche der Passionszeit, 7. – 13. März 2021

Die sechste Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Schriftwort: 1. Johannes 4,16 (Lehrtext am 10. März 2021)

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Gedanken zum Text

Dieser Vers aus dem 1. Johannesbrief gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Bibelsprüchen für Trauungen. Klingt er doch auch nach Romantik und immerwährender Liebe. Es ist in der Regel nicht leicht zu vermitteln, dass hier allerdings kein Wort von romantisch aufgeladenem Gefühl steht, sondern der Apostel klar und deutlich von der konkreten Nächstenliebe spricht. Er spricht von der Liebe, die unterschiedslos in jedem Menschen den Nächsten sieht, der nicht gleichgültig ist, wie es ihm oder ihr ergeht. Diese Liebe ohne Unterschied, ohne Einschränkung ist die göttliche Liebe des Schöpfers, durch dessen Gnade wir alle leben dürfen.

An diese Grundlage unseres Seins erinnert der Apostel, bevor er zu unserer Aufgabe im Leben kommt. Er beschreibt sie mit wenigen Worten:

„und wer in der Liebe bleibt“… Auch das hört sich zunächst romantisch an, so als könne man sich unter die warme Decke der Liebe kuscheln und am besten ganz still liegen bleiben, damit nur ja kein kalter Luftzug von irgendwoher die Idylle stört. Nein, so einfach ist es nicht. Wer in der Liebe bleiben will, in allen Herausforderungen, Belastungen und Ärgernissen des Alltags menschlich und anständig und einfühlsam und ehrlich bleiben möchte, der merkt bald, dass das harte Arbeit sein kann. Friedlich und gerecht zu sein erfordert Mühe und vor allem sehr, sehr viel Geduld und Nachsicht – mit den anderen und oft auch mit sich selbst. Da wird es Enttäuschungen, Zweifel und Rückschläge geben. Das weiß jeder, der in der Liebe bleiben möchte. Verunsicherung macht sich breit, die dem Mut die Luft nimmt. Damit das nicht passiert, fügt der Apostel an die Aufgabe die Vergewisserung an: „und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Wer den Weg der Liebe weiter geht, der darf darauf vertrauen, dass seine Schritte gesegnet sind, so klein sie auch sein mögen und so unsicher sie auch wirken. Denn sie schaffen „Spielraum“ für gelingendes Leben, miteinander und füreinander.

Grafik: J.Reichmann

Gedanken zum Bild:

Auch so ein kleiner Schritt der Menschlichkeit mitten im Geschrei der Henkersknechte, der Spötter und Gaffer am Gassenrand: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch. Völlig erschöpft war ER, ein Bild des Jammers, schleppte den schweren Balken wieder allein. Simon von Kyrene war jedenfalls schon nicht mehr bei Jesus. Schließlich wollten die Leute, dass der Verurteilte sein Kreuz selber schleppte! Jetzt begegnete Jesus wieder einem Menschen. Die Geschichte der Veronika ist eine Legende, einfach zu schön um wahr zu sein. Zu schön inmitten des grausigen Trauerspiels vom Kreuzweg, zu herzerwärmend in der eiskalten Wirklichkeit staatlicher Willkür, die vor der Hinrichtung Unschuldiger nicht zurückschreckt. Die Begegnung mit der Mutter hätte ja vielleicht noch durch Blickkontakt geschehen können. Aber für Veronika ist es schlichtweg unmöglich, dem Verurteilten so nahe zu kommen, wie die Legende voraussetzt. Denn sie hätte ihm selbst das verschwitzte Gesicht abtrocknen müssen. Die Soldaten des Hinrichtungskommandos hätten das auf gar keinen Fall zugelassen. Doch ist diese Legende so wertvoll, weil sie einen uralten Menschheitstraum aufnimmt: Dass die Mitmenschlichkeit, die Nächstenliebe mitten in der Brutalität dieser Welt eine Chance hat. Und Veronika wird zur Symbolfigur dieses Traumes, weil sie handelt, wo andere sagen: Da kann man nichts machen – oder nur gaffen oder sich angeekelt abwenden. Es ist die Geschichte einer mutigen jungen Frau, die sich das Elend des Verurteilten nicht mehr länger mit anschauen kann. Sie hat kaum etwas in den Händen, mit dem sie helfen könnte. Aber sie weiß: Jetzt muss ich es tun. Und so nimmt sie vielleicht sogar ihr Kopftuch oder auch nur den Zipfel ihres Gewandes, tritt zu Jesus heran und wischt ihm die Tränen und das Blut und den Schweiß vom Gesicht. Mehr kann sie nicht tun, bevor sie die Henkersknechte mit Peitschenhieben davon jagen. Aber ist das nicht unendlich viel? Gibt sie dem geschundenen Jesus damit nicht ein ganzes Stück seiner Würde zurück?

Immer wieder fragen Menschen: Wo zeigt sich denn Gott? Wie ist seine Nähe zu erfahren? Ist es nicht so, dass das Leid in der Welt gegen Gott spricht? Das scheint für den kühlen Beobachter des Leids tatsächlich denkbar zu sein. Für einen Menschen aber, dem das Leid anderer nicht gleichgültig ist, ergibt sich eine ganz andere Sicht: Nur mit ganz viel Gottvertrauen können wir überhaupt gegen das Leid in der Welt ankommen, im Kleinen, mit winzigen Schritten. Und jeder Sieg des Lebens und der Liebe durch Menschen wie Veronika ist wie ein Gottesbeweis. In der traumhaften Legende nimmt Veronika das Tuch mit dem Schweiß und dem Blut Christi mit sich. Das Schweißtuch, das zum Symbol wird für die christliche Glaubenswahrheit, dass Gott in Christus immer auf der Seite der Leidenden steht, mehr noch: ER leidet mit und trägt hindurch. Kein Schmerz ist ihm fremd, keine Verzweiflung, keine Aussichtslosigkeit.

Manchmal können wir nur ganz wenig tun – so wie Veronika. Aber wer kann schon wirklich als Helfer einschätzen, wie bedeutsam seine Hilfe für den Hilflosen ist?

Gebet:

HERR, unser Gott, DU kommst uns nahe, damit wir einander verstehen und über unseren Horizont schauen lernen. Dafür danken wir DIR von ganzem Herzen.

HERR, wir bitten DICH, lass uns Menschen finden, die uns ermutigen zu Liebe, die nicht nur sich selbst sucht. Hilf uns, die Zweifel zu überwinden, ob wir mit unserer Hilfe für andere viel ausrichten können.

HERR, wir bitten DICH für alle, denen es schwer fällt, Hilfe anzunehmen. Und wir danken dir für jeden Menschen, der mit seinen Mitteln und Möglichkeiten für andere da ist.

Erbarmender Gott, erhöre uns. Amen

Beten wir das Vaterunser:

Vater unser im Himmel

geheiligt werde Dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit.

Amen

Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

AMEN