Andachten

Andacht für die 4. Woche der Passionszeit, 14. – 20. März 2021

Die achte Station: Jesus und die weinenden Frauen

Schriftwort: Apostelgeschichte 4,20 (Lehrtext am 15. März 2021)

Wir können ´s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.

Gedanken zum Text

Lukas schrieb die Apostelgeschichte mehrere Generationen nach Ostern. Inzwischen gab es christliche Gemeinden in fast allen Regionen des römischen Reiches. Diese wurden jedoch zunehmend unterdrückt und verfolgt. Viele verloren den Mut, trauten sich nicht mehr, ihren Glauben zu leben. Mit der Apostelgeschichte wollte Lukas den Christen seiner Zeit Mut machen. Er erinnerte sie an die Anfangszeit, in der die Apostel unterwegs waren und trotz aller Widerstände Gemeinden gründeten. „Wir können ´s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ – Selbst gesehen und gehört, selbst miterlebt hatten sie die Zeit mit Jesus und vor allem das Osterwunder, das ihnen die unglaubliche Energie verlieh, in nur wenigen Jahren Gemeinden im gesamten Mittelmeerraum zu gründen.

Wenn wir die Bibel genau lesen, stellen wir fest: Von Anfang an waren auf diesem Weg Männer und Frauen unterwegs. Frauen, die Jesus als Jüngerinnen gefolgt waren, wurden die allerersten Zeuginnen der Auferstehung. Sie konnten es als erste nicht lassen, von dem zu reden, was sie gesehen und gehört hatten. Selbstverständlich leiteten Frauen wie Lydia in der Anfangszeit nach Ostern auch Gemeinden. Christen lebten in der Nachfolge Jesu gleichberechtigt, ungeachtet ihres Geschlechtes oder ihrer Herkunft – und das ohne Gender – Sprache und behördliche Regulierungspersonen.

Erst geraume Zeit später setzte sich unter dem Einfluss der Umwelt die Dominanz der Männer auch in der entstehenden Kirche mehr und mehr durch. Allerdings gab es auch Ausnahmen: Radegunde von Thüringen soll im 6. Jahrhundert zur Diakonin geweiht worden sein, als sie Äbtissin des Klosters von Poitiers war. Auch Hildegard von Bingen 600 Jahre später erhielt höchste Anerkennung für ihr geistliches Werk. Es gab im Laufe der Zeit noch einige Frauen mehr, die in den Jahrhunderten aus den gewünschten Rollenbildern in der Kirche ausbrachen. Erst die Umbrüche im vergangenen Jahrhundert führten dazu, dass in vielen Konfessionen heute die Gleichberechtigung wieder gelebt wird.

G rafik: J.Reichmann

Gedanken zum Bild:

Jesus geht die nächsten schweren Schritte auf seinem Weg zur Hinrichtungsstätte. Und wie er sich so dahin schleppt, hört er mitten im Gegröle und dem Geschrei der Soldaten ganz andere Klänge. Frauen stehen unter den Zuschauern, die nach der Tradition seines Volkes die Totenklage angestimmt haben. Ja, sie singen die schwere Melodie und die traurigen Worte und niemand hindert sie daran, denn darauf hatte selbst ein zum Tode Verurteilter wie Jesus Anspruch. Die Melodie erreicht das Ohr Jesu und es gelingt ihm, den Frauen etwas zuzurufen: „Weint nicht um mich, ihr Töchter Jerusalems. Weint über euch selbst und eure Kinder.“ Ein rätselhaftes Wort in diesem Augenblick, ein letztes prophetisches Wort Jesu, wie die Menschen in der christliche Gemeinde Jerusalems etwa 40 Jahre später erkannten. Denn im Jahre 70 unserer Zeit zerstörten die römischen Fremdherrscher nach einem gescheiterten Aufstand den Tempel und die Juden wurden über das ganze römische Reich verstreut. Das war auch die Zeit, in der die reichsweiten Christenverfolgungen begannen.

Das Leid hört nicht auf und Jesus war nur einer von ungezählten Menschen, die in der Römerzeit qualvoll am Kreuz zu Tode kamen. Aber Jesus ruft den weinenden Frauen zu: Findet euch nicht ab damit, werdet nicht einfach gleichgültig, sondern klagt das Leid an! Klagt, klagt an, beklagt, was immer euch und uns ums Leben bringt, die Zukunft raubt für die Kinder, denn wer klagt, entdeckt in der Klage die Kraft zum Wandel. Dann, nur dann gibt es Hoffnung.

Klagen will gelernt sein. Denn es unterscheidet sich vom Dauerjammern und vom schmalzigen Selbstmitleid ebenso wie vom raffinierten juristischen Versuch, aus einer Situation das meiste für sich herausholen zu wollen. Klagen dagegen ist ehrlich und konkret und uneigennützig. Wer klagt, der spricht die Not und das Unrecht an, nennt es beim Namen und zeigt, dass er oder sie auch bereit ist, etwas dagegen zu unternehmen. Und echte Klage ist immer auch mit echten Tränen verbunden, weil sie aus einer tiefen Betroffenheit kommt, aus einem Mitgefühl. Gibt es deshalb so wenig oder gar keine echte Klage mehr in unserem Land? Feindbilder, ja, die gibt es zuhauf, damit man drauf los gehen kann. Und vielleicht noch ein paar wenige Intelligenzler, die in scharf satirischem Kabarett ihre Klage hinter schwarzem Humor verstecken. Echte Klage gibt es kaum noch. Wird sie wiederkommen, wenn die Krise noch länger dauert? Und wird sie gehört werden? Echte Klage ist oft nur ganz leise und zu ihr gehören echte Tränen. Die zu zeigen in unserer Gesellschaft, das geht zu weit. Sie passen nicht in unsere Welt der Glücksversprechen und der Gewinnermentalität.

Da komme ich nicht weit. Ich muss auf den Putz hauen, Lärm machen, mit Forderungen daherkommen, wenn ich etwas erreichen will. Klagen bringt nichts, aber anklagen.

Kaum jemand traut sich zu weinen, wenn andere es sehen. Echtes Mitgefühl ist selten geworden. Ein Mitgefühl, das Respekt kennt und Anstand, das sich nicht vordergründig um die eigene Darstellung dreht: Ach, was bin ich doch Anteil nehmend und hilfsbereit. Und dabei können echte Gefühle so viel Leid lindern helfen.

Gebet:

HERR Jesus Christus, Du bist den Weg des Leides bis zum Ende gegangen. Wir leben davon, dass DU DICH in Liebe für uns hingegeben hast.

HERR, lass DEINE Liebe unsere Herzen anrühren, damit Verständnis einziehe überall da, wo wir nebeneinander her leben statt miteinander und füreinander.

HERR, wir bitten DICH, dass unsere Gemeinden zur Heimat werden, in der Trauernde getröstet und Einsame aufgefangen werden.

HERR, wir bitten DICH um DEIN Erbarmen für alle, die ungerührt am Leid eines andern vorbei gehen oder sehen können. Weite ihre Herzen und öffne ihre Augen.

HERR, wir bitten DICH für alle, die helfen wollen, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Und für alle, die die ersten Schritte gehen, um sich zu ändern.

Erbarmender Gott, erhöre uns. Amen

Beten wir das Vaterunser:

Vater unser im Himmel

geheiligt werde Dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit.

Amen

Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

AMEN