Andacht
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Andacht für Sonntag Estomihi, 14. Februar 2021

Schriftwort: Psalm 31, 2 -6

Bei dir, Herr, habe ich Zuflucht gefunden. Lass mich nie in Schande geraten! Erweise mir deine Treue und rette mich!

Neige dich zu mir herab und schenke meinem Rufen ein offenes Ohr! Befreie mich doch schnell aus meiner Not! Sei mir ein Fels, bei dem ich Schutz finde, eine Festung auf hohem Berg! Rette mich!

Ja, du, du bist mein Fels und meine Burg! Du wirst mich führen und leiten – dafür stehst du mit deinem Namen ein.

Befreie mich aus der Falle, die meine Feinde mir hinterhältig gestellt haben! Du bist mein Schutz.

In deine Hände gebe ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott!

Ich verabscheue alle, die nutzlose Götzen verehren, und ich selbst vertraue ganz dem Herrn.

Voller Freude juble ich über deine Gnade: Du kennst mein Elend, kümmerst dich um meine Nöte, die so schwer auf meiner Seele liegen.

Du hast mich nicht in die Hand meiner Feinde gegeben, weiten Raum hast du vor mir geschaffen.

(Neue Genfer Übersetzung)

Liebe Gemeinde!

Der Sonntag vor der vorösterlichen Passionszeit trägt im evangelischen Kirchenjahr den lateinischen Namen „Estomihi“ – übersetzt: „Sei mir…“ und zitiert damit verkürzt den Gedanken des Psalms: „Sei mir ein Fels, bei dem ich Schutz finde, eine Festung auf hohem Berg! Rette mich!“. Diesen Hilfeschrei richtet der Beter des Psalms an Gott. Obwohl uns sein persönliches Schicksal nicht überliefert wurde, können wir es auch heute nachempfinden. Hilflos fühlte er sich, ausgeliefert, bedroht und schutzlos. Von Feinden spricht er, die ihm hinterlistige Fallen gestellt haben. Aber nicht nur Menschen können einem das Leben zur Hölle machen. Erfahrungen, die plötzlich ins alltägliche Leben einbrechen wie der Dieb in der Nacht – und alle gewohnten Sicherheiten über den Haufen werfen – die kennen wir doch auch, spätestens seit der Pandemie, oder? Plötzlich wurde wieder klar, dass diese Erfahrungen nicht die Sorgen einzelner sind, sondern alle betreffen können. Das bedeutet dann aber auch, dass alle mit diesen Erfahrungen umgehen und leben müssen.

Auf welch ganz unterschiedlicher Art und Weise das geschieht, steht uns deutlich vor Augen. Klein reden oder ganz verleugnen bevorzugen die einen. „Wird schon wieder“, sagen die meisten und hoffen, einigermaßen glimpflich davon zu kommen. „Müssen wir irgendwie durch“. Andere sind unglaublich tapfer und einfallsreich und kämpfen sich durch die Krise, verlieren aber nur wenig Worte darüber. Allen gemeinsam ist: Der Blick bleibt gesenkt, auf die nächsten Tage und Wochen gerichtet. Die Schritte werden schwerer, je länger die Belastung anhält. Verunsichert sind wir und wenn wir überhaupt nach Gott fragen, dann kommt nur ein vorsichtiges „Wenn es DICH gibt, Gott, dann hilf doch!“ heraus.

Der Beter des Psalms ist da ganz anders gestrickt. Es geht ihm wirklich nicht gut. Er stöhnt unter der Last seines Alltags. Aber er weiß, wohin damit. Er weiß, wem er sein Herz ausschütten kann und von wem er wirklich Hilfe erwarten kann. Er richtet in seiner Bedrängnis den Blick nach oben – und nicht nur das, sondern auch seine gefühlsgeladenen Worte wirft er vor den HERRN.

All das, was ihn bedrückt, wovor er Angst hat und was ihm Sorgen macht, spricht er an. Und bittet Gott den HERRN um SEINE Hilfe. Klar und deutlich, ohne Umschweife, von ganzem Herzen. Seine Offenheit, seine Energie, ja sein Gottvertrauen beeindrucken uns. Könnten wir wie er auch in unserer Situation heute den HERRN bitten: HERR, hilf mir schnellstens aus meiner Not? DU bist mein Fels und meine Burg! Also sei es mir jetzt auch! Sei mir der Schutz, der DU immer schon warst! Sei mir der Gott, als den ich DICH immer schon geglaubt habe: der gerechte Gott, der starke Gott, der helfende Gott. Hier, jetzt, in diesem Moment, wo ich DICH brauche! Um DEINES Namens willen hilf mir! Nicht, weil ich besonders wichtig oder besonders gut wäre. Ich habe nichts zu bieten außer meinem Vertrauen.

Könnten wir den HERRN so bitten, mit den Worten des Psalms oder mit unseren ganz eigenen Worten? Ja, das können wir. Denn dann gelingt es uns, den Blick zu heben in der Mühe des Alltags und den Beschwernissen der Krise. Dann öffnet sich uns der Horizont, den wir viel zu oft und viel zu schnell aus dem Blick verlieren angesichts der Herausforderungen unseres Lebens. Der Horizont, von dem nur die vage Sehnsucht bleibt, dass das Leben mehr sein kann als Essen und Trinken und Schlafen und sich Abmühen. Die Sehnsucht, dass es einen Sinn geben könnte in der kurzen Zeit unseres Lebens hier und dass am Ende mehr bleibt als der Satz: Sein oder ihr Leben war immer nur Arbeit.

Der Beter des Psalms erinnert uns, dass hinter dieser Sehnsucht der Horizont Gottes aufgeht. Denn nur der HERR kann dem Leben wirklich einen Sinn geben. Und nur ER kann für wirkliche Gerechtigkeit sorgen, die allen gerecht wird und die in Ewigkeit Bestand haben wird. Die Gerechtigkeit, die Menschen niemals schaffen, weil das Menschengeschlecht von Anfang an den Kampf um persönliche Vorteile kämpft und es keine menschengemachte Gesellschaftsordnung geben kann, in der das einmal anders wäre.

Im Horizont Gottes erkennen wir uns als die, die wir wirklich sind: Als Gottes Kinder, die Liebe und Nähe suchen und sich selber so schwer öffnen können. Als SEINE Geschöpfe, die viel zu oft mutlos und feige sind. Die immer wieder jammern und klagen über alles mögliche, es aber tunlichst dabei belassen. Als SEINE Kinder, die sich lieber am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen wollen als auf SEINE Hilfe zu vertrauen. Aber eben nicht nur das, sagt der Beter des Psalms. Wir erkennen uns doch auch in unserer Würde: Als Menschen, denen der HERR zugetan ist, die ER liebt, denen ER zuhört und die ER ernst nimmt mit allem und in allem, wie wir zu IHM kommen. ER nimmt uns an, wie wir sind, wenn wir IHM im Vertrauen begegnen. Wie heißt es im Psalm:

In DEINE Hände gebe ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott!

Die Gewissheit, dass Gott hilft, ist der Beginn der Hilfe in den Sorgen des Lebens. Das andere folgt nach. Der Psalm macht Mut, den Schrei des Herzens nach dem Leben an die richtige Adresse, vor Gott, zu bringen. In DEINE Hände gebe ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott!

Bei Gott sind wir immer in guten Händen, was auch kommen mag. Mit dieser Gewissheit können wir den Unbilden der manchmal sehr ärgerlichen und verletzenden Welt begegnen und selbst in Hilflosigkeit und Ohnmacht standhalten.

In DEINE Hände gebe ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott!

In diesen Sätzen vereinen sich Lebensklugheit und Bescheidenheit, kindliches Vertrauen und das Wissen um die eigene Begrenztheit. Die Achtung vor der Größe Gottes, aber auch die innigste Beziehung zu ihm. In wessen Hände könnte ich es sonst wagen, mein Leben zu legen? Nichts kann uns getroster und stärker machen als dies. Amen

Gebet:

HERR, unser Gott, wir klagen DIR unsere Kurzsichtigkeit. Wenn es hart über uns kommt, sehen und hören wir DICH oft nicht.

Wir bitten DICH: Gehe mit uns, hilf uns die Last zu tragen und mache unsere Dunkelheit hell.

HERR, wir bringen alle vor DICH, die es schwer haben in diesen Tagen und bitten für die, die keine Kraft mehr haben. Schenke Ihnen ein Wort, das sie stärkt und sei auch im Schweigen.

HERR, erbarme DICH, damit unsere Herzen weit werden für DEIN Lob und zum Aufatmen vieler und zum Kommen DEINES Reiches.

Amen

Vater unser im Himmel

geheiligt werde Dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit. Amen

Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

AMEN