Andacht
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Andacht für Sonntag Reminiscere, 28. Februar 2021, 2. Sonntag der Passionszeit

Schriftwort: 2. Korinther 4, 8+9 (Lehrtext der Herrnhuter Losungen für den Sonntag)

Paulus schreibt: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.

Die dritte Station: Jesus fällt unter dem Kreuz

Liebe Schwestern und Brüder!

Wer Paulus nicht kennt, der fragt sich beim Hören oder Lesen dieser Worte sofort: Was ist das für ein Mensch? Von welchen Umständen spricht er? Die Worte klingen nach Widerstand, nach „jetzt erst recht“ und und nach einem gewaltigen Ego. Paulus, der Held, der cool bleibt, wenn ihn das Leben beutelt. Fakt ist: Immer wieder hat ihm jemand übel mitgespielt, leider nicht nur die Gegner und Verfolger der Christen. Auch unter den eigenen Leuten gab es miese Charaktere, die ihn kaltstellen wollten. So zum Beispiel auch in der Gemeinde in Korinth, an die er mehrere Briefe schrieb. Da wurde er von einigen, die für Macht und Einfluss die gemeinsame Sache verrieten, zum „Buhmann“ gemacht. Erstaunlich, wie es Paulus gelang, mit diesen Erfahrungen umzugehen.

Wer Paulus kennt, der weiß, dass er alles andere als ein cooler Held war. Eigensinnig, das ja, auch energisch und ausdauernd war er, schonte sich kein bisschen, ging wohl auch oft genug bis an die Grenze seiner körperlichen Kräfte. Aber ein Held, dem keine Anfeindung etwas ausmachte, der über allem stand und immer alles im Griff hatte, das war er ganz bestimmt nicht. Er selbst kann von seiner Schwachheit schreiben, kennt seine Fehler, weiß aber auch um seine Stärken.

Und so können wir seine starken Worte auch durchaus als eine Art Selbstvergewisserung in schwieriger Zeit verstehen. Allerdings nicht in der Art von „Denk positiv – und alles ist gut!“ Denn Paulus geht es nicht darum, sich die Welt und die eigenen Lebensumstände schöner zu reden als sie in Wirklichkeit sind. Er nimmt die Wirklichkeit wahr und er nimmt sie ernst in ihrer ganzen Härte. Aber er erinnert sich, er findet Halt und Mut in der Erinnerung. Immer wieder erinnert er sich: Ich gehöre zu Jesus Christus, der den Weg des Leidens gegangen ist. Wer zu Jesus Christus gehört, der darf darauf vertrauen, dass der HERR sein Leid kennt und mit ihm durchlebt. Das heißt, ER kennt mein Leid, ich darf auf seine Gegenwart vertrauen, muss da nicht allein durch.

Das klingt ganz anders als die heldenhafte Durchhalteparole eines Überfliegers, die die „normalen“ Ängstlichen und Verzweifelten und Unterdrückten dieser Welt eher in Zweifel stürzt als dass sie ihnen Halt und Hilfe sein kann.

Für Paulus wurde es zur Lebenserfahrung: Wer zu Jesus Christus gehört, der darf darauf vertrauen, dass der HERR sein Leid kennt und mit ihm durchlebt.

Grafik: J.Reichmann

Daran erinnern wir uns, wenn wir in diesen Wochen der Passion den Kreuzweg Christi bedenken. Nach dem Urteil über IHN begann der Weg zur Hinrichtung, der ein eigener Teil der grausamen Inszenierung war. Die Todeskandidaten sollten dem Spott der Zuschauer preisgegeben werden, verhöhnt, aller Würde beraubt. Nicht nur Worte wurden den Verurteilten an den Kopf geworfen, alles war erlaubt. Die Henkersknechte taten das Ihre dazu, trieben die Todeskandidaten mit Peitschenhieben voran, die den schweren Querbalken des Kreuzes in grotesken Haltungen bis zum Galgenberg schleppen mussten. Der Weg führte durch die verwinkelten und engen Gassen Jerusalems. Da hindurchzukommen, ohne zu straucheln, war kaum möglich. Wie zu erwarten: Es dauerte nicht lang, und Jesus kam aus dem Gleichgewicht, verlor die Balance. Der Querbalken kippte vorn über. Hatte ihn ein Henkersknecht absichtlich gestoßen, damit die gaffenden Massen etwas zu johlen hatten? Oder wollte Jesus vielleicht einem Wurfgeschoss aus der Zuschauermenge ausweichen? Jetzt lag er im Dreck. Es kostete ihn große Anstrengung, wieder aufzustehen. Höhnisches Lachen gellte durch die Gasse, gebrüllte Befehle der Soldaten schepperten in seinen Ohren. Und viele am Rand redeten und spotteten über ihn, den Gestrauchelten, dem sie sich jetzt so unendlich überlegen fühlen konnten. Niemand von den Spöttern half ihm, wieder auf die Beine zu kommen. Von den Henkersknechte auch keiner, die trieben ihn nur an mit ihren Peitschen. Nichts als kalte Schadenfreude, nichts als bösartige Häme. Nach qualvoll langen Minuten hatte ER es geschafft, ging die nächsten, wankenden Schritte auf SEINEM letzten Weg.

Ein bissiges Sprichwort behauptet: „Schadenfreude ist die schönste Freude!“ – Das trifft natürlich nur für den zu, der zuschaut. Der zu sein, der am Boden liegt, ausgeliefert, und alle drum herum glotzen nur und lachen und quatschen, diese Erfahrung möchte niemand von uns machen. Und doch geschieht es immer wieder: Aufdringliche, respektlose Gaffer behindern bei Unfällen die Rettungskräfte, fotografieren und filmen mit ihren Mobiltelefonen die Opfer und stellen die Bilder online. Leid als Sensation, nur interessant als Unterhaltung.

Sonst heißt es: Was geht mich das an, wenn du fällst, wenn du Hilfe brauchst? In einer deutschen Großstadt ging ein Autofahrer auf einen Rettungsdienstmitarbeiter los, weil sein Auto durch einen Noteinsatz zur Rettung eines Kindes zugeparkt werden musste. Was geht mich das an, wenn du Hilfe brauchst? Jeder ist sich selbst der Nächste in dieser Gesellschaft. Manche hoffen, dass das durch die Pandemie wieder ein bisschen anders werden könnte. Dass wir doch wieder ein bisschen mehr Verantwortung füreinander zu übernehmen bereit sind, und zwar nicht nur für die eigene Familie und den Freundeskreis, sondern sogar für fremde Leute, indem wir uns an die Hygieneregeln halten, obwohl sie oftmals auch anstrengend sein können.

Ob an dieser Hoffnung etwas dran ist, wird sich erst zeigen, wenn das Virus eingedämmt sein wird und die Vorschriften zurückgefahren werden können.

Auch wir können fallen unter der Last oder den Aufgaben oder den Schicksalsschlägen des Lebens. Und dann sind auch sofort die Spötter da und noch schlimmer manchmal die Besserwisser mit ihren Sprüchen: Ich hab´s doch gleich gesagt oder gewusst… Wer fällt, wer versagt, wird einsam. Da laufen die Freunde eher weg als dass sie bleiben.

Und ehrlich: haben wir uns noch nie dabei erwischt, spöttisch geredet zu haben über das Pech anderer? Und sind wir wirklich noch nie anderen damit zur Last gefallen? Selbst zu fallen oder anderen zur Last zu fallen – das können wir im Leben nicht vermeiden. Niemand von uns ist ohne Fehler, ohne Sünde, wie es die Heilige Schrift sagt. Aber wer hilft uns wieder auf die Beine, wer entlastet die Menschen, denen wir zu tragen geben?

Jesus steht wieder auf. ER wird alle diese Laster und Lasten ans Kreuz bringen, damit die Menschen überhaupt eine Chance auf Zukunft haben. Und genau daran erinnert sich Paulus. Deshalb kann er den Menschen in der Gemeinde von Korinth so getrost und zuversichtlich schreiben: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Mitten im Chaos des Alltags schimmert schon ein wenig Osterhoffnung durch, die Halt gibt und Kraft. Amen

Gebet:

HERR unser Gott, stärke unser Vertrauen in DEINE Liebe, die uns den Mut und die Kraft zum Leben schenkt. Hilf uns DIR zu folgen auf dem Weg der Liebe.

HERR, wir bitten DICH, schenke uns das Gespür für alles, was dem Weg der Liebe widerspricht in unseren Worten, in unseren Blicken und Gesten.

HERR, wir bitten um DEIN Erbarmen für alle, die nur sich selber sehen und denen das Leid anderer eher lästig ist. Weite ihren Horizont und schenke ihnen ein mitfühlendes Herz.

HERR, wir bitten für alle, die in Schuld geraten oder in Schuld verstrickt sind. Besonders bitten wir für die, die uns brauchen, um in ihrem Leben wieder auf die Beine zu kommen.

HERR, gib uns DEINEN Geist, der uns weise macht und menschlich, damit auch durch uns die Angst kleiner werde, die Tränen getrocknet werden und Menschen neue Hoffnung spüren.

Sei uns allen nahe, HERR, erbarmender Gott, mit DEINEM Segen, von dem DEIN Reich voll ist. Amen

Beten wir das Vaterunser:

Vater unser im Himmel

geheiligt werde Dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit.

Amen

Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

AMEN