Andachten

Andacht zum 6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum 28. März 2021

Die elfte Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Schriftwort: Lukas 23, 34 (Lehrtext Mittwoch, 31.3.2021)

Jesus sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.

Gedanken zum Text:

Doch, Jesus, möchten wir IHM aus unserer menschlichen Erfahrung ganz unbedingt widersprechen: Die wussten ganz genau, was sie tun, als sie DICH per Justizmord aus dem Weg räumten. Das machen die nämlich immer so und werden es nie anders machen, die Diktatoren und ihre Helfershelfer dieser Welt: Sie bringen jeden mit Gewalt zum Schweigen, der ihnen nicht in den Kram passt. Der bekommt das Schild „Staatsfeind“ oder „Klassenfeind“ umgehängt oder „Saboteur“ oder „Ungläubiger“, bevor er umgebracht wird. Damit jeder sehen kann, was passiert, wenn…Einschüchtern wollen sie, Angst verbreiten, mit voller Absicht – und meist auch mit vollem Erfolg.

Das war nicht anders damals bei DEINEN Jüngern. Nur ein einziger, so schreiben die Evangelien, sei unter den Zuschauern am Kreuzigungsplatz gewesen. Lebensgefährlich für ihn, sobald er erkannt worden wäre. Alle anderen hatten sich versteckt im Gewühl der überfüllten Stadt, verstört, entsetzt, plan- und hilflos. Eben noch mit so viel Hoffnung und blühenden Träumen vom Sieg des Messias unterwegs, wurden sie hinein gerissen in den Strudel der Ereignisse, auf dessen Grund sie die Todesangst packte. Wieder einmal schien die Verbindung aus staatlicher Macht und Gewalt unbesiegbar zu sein.

Was für eine Gnade, in einer Gesellschaft leben zu können, in der jeder das Recht hat, völlig angstfrei seine Ansichten und Gedanken zu äußern, auch wenn sie noch so abgedreht erscheinen mögen. So lange sie die Freiheit der Andersdenkenden respektieren, gibt es keine Grenzen. Aber noch einmal zurück zu Jesus: Was meint ER mit SEINER Bitte, wenn die Mächtigen genau wussten, was sie taten? Wussten sie wirklich, dass sie da den Sohn des EWIGEN selbst ans Kreuz nageln ließen? Sicher nicht. Für sie war Jesus nichts weiter als ein einfacher Kerl, ein lästiger Störenfried mit unklaren, religiös überhöhten Ansichten, dem die armen Schlucker und die Ausgestoßenen hinterher liefen. Den zu beseitigen, sahen sie als ihr Recht, ja sogar ihre Pflicht an im Sinne der Ordnung. Dass die Hinrichtung Jesu ein Angriff gegen Gott selbst sein könnte, wäre ihnen niemals in den Sinn gekommen. So bekommt Jesu Bitte um Vergebung für SEINE Peiniger einen ganz tiefen Sinn, der noch in anderer Hinsicht bedenkenswert ist:

Wie viel Leid tun Menschen einander an aus blankem Unwissen. Wie oft fällt im Gespräch irgendeine flapsige Bemerkung, die den anderen zutiefst verletzt, weil der Sprecher einfach nicht weiß, welche innere Wunde er mit seinen Worten aufgerissen hat. Und das setzt sich im Großen fort. Rassismus zum Beispiel hat nicht nur etwas mit Vorurteilen zu tun, sondern ganz wesentlich auch mit Unwissen. Die Unwissenden nicht abzuurteilen, sondern sie als Mitmenschen zu achten, dazu fordert uns Jesu Bitte auf.

Gedanken zum Bild:

Wir kommen aus unserer Zuschauerrolle nicht heraus. Wir können nicht einfach mit der Fernbedienung das Programm wechseln. Was da gleich neben uns geschieht, hat längst jeden Unterhaltungswert verloren. Ohrenbetäubend die Hammerschläge des Henkers. Spüren wir nicht förmlich am eigenen Leib, wie sich die Spitze des kantig geschmiedeten Nagels zentimeterweise durch Haut, Fleisch und Knochen bohrt? Unsägliche Schmerzen hat Jesus zu ertragen und ich bin mir sicher: Jetzt, nach der Nacht im Folterkeller und dem schier endlosen Weg hierher auf die Hinrichtungsstätte, fehlt ihm jede Kraft zur Tapferkeit. Ich wünsche ihm nur, dass der Schmerz ihm in diesen schrecklichen Minuten das Bewusstsein raubt. Denn nur so, durch sein Schweigen, kommt vielleicht so mancher Zuschauer vielleicht doch noch zum Nachdenken. Der Henker an seiner Seite allerdings nicht. Der macht nur seinen Job, wie alle Henker dieser Welt. Eiskalt und ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, was er da gerade tut. Er ist ja nur der anonyme Vollstrecker des Todesurteils. Er folgt seinem Befehl.

Befehle, Anordnungen, Dienstverordnungen geben Sicherheit. Da weiß der Soldat, was er zu tun hat. Alles ist klipp und klar geregelt und die Verantwortung für sein Tun trägt dann ja auch der Befehlsgeber, oder? Jedenfalls sahen das viele Angeklagte in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen nach dem Ende der Nazidiktatur so und meinten, damit auch nicht schuldig zu sein. Wenn ich bedenke, wie viel Unheil und Grauen durch gut funktionierende Befehlsketten über Menschen gebracht wurde und in vielen Staaten dieser Welt immer wieder gebracht wird! Die Folterknechte aller Zeiten und Länder lassen grüßen bis zum heutigen Tag. Und nicht nur die, gleich kommen die Terroristen aus ihren finsteren Löchern, denn auch sie sind hörig einer bestimmten Wahnvorstellung oder einem geheimen Befehlshaber, der ihnen den Auftrag zum Anschlag erteilt. Wird denn die Gewalt nie aufhören in dieser Welt? Drohgebärden, Säbelrasseln, Aufrüstung, Auslandseinsätze lassen nichts gutes ahnen. Manchmal ist es doch kaum zum Aushalten: Hilflos und ohnmächtig zusehen zu müssen, wie Katastrophen ihren Lauf nehmen, wie Wege zum Frieden immer wieder erfolglos bleiben. Warum sind wir Menschen so wenig lernfähig, selbst nach weltumspannenden Katastrophen nicht? Warum hören wir nicht zu, wenn Menschen wie der Dichter Heinrich Böll aus eigener bitterer Lebenserfahrung sagt: Ein Soldat, der anfängt zu denken, ist schon fast keiner mehr.?

Gebet:

HERR Jesus Christus, DU Trost der Liebe, gib unserer Art zu leben von DEINEM Glanz und DEINER Schlichtheit. Nimm uns mit auf DEINEM Weg durch das Tor zum Leben.

HERR, wir bitten um DEIN Erbarmen für alle Menschen, die von anderen aufs Kreuz gelegt werden, festgenagelt und ausgeliefert.

DICH bitten wir für alle, die Befehle geben müssen in dieser Welt, dass sie dabei auf ihr Herz und Hirn hören und für alle Befehlsempfänger, dass sie ihrem Gewissen verpflichtet bleiben.

HERR, gib uns die Kraft zu DEINER Art der Sanftmut. Wir danken DIR für alle Menschen, die Wege zum Frieden suchen.

Erbarmender Gott, erhöre uns. Amen

Beten wir das Vaterunser:

Vater unser im Himmel

geheiligt werde Dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit.

Amen

Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

AMEN