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Andacht zum Mittwoch, 8. April 2020

ev. Pfarrer Jörg Reichmann Pößneck

Kreuzweg Jesu Station 4 – Entkleidung

Schriftwort: Johannes 19,23: „Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz geschlagen hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen.“

Besinnung zum Text: Nein, das konnte der Evangelist nicht als Livebericht erzählen, was da auf der Hinrichtungsstätte mit dem Verurteilten getrieben wurde, wenn er völlig entkräftet endlich dort ankam. Zu groß ist die Demütigung, die Schande, die ihm angetan wurde: Alle Kleidungsstücke, das Obergewand und der Lendenschurz, wurden ihm vom Leib gerissen, bevor sie ihn ans Kreuz nagelten. Völlig nackt und schutzlos stieß ihn das Hinrichtungskommando vor die Gaffer und dann zu Boden. Tiefer kann man einen Menschen nicht entwürdigen. Die Schande geht so tief, dass seit alters her in allen christlichen Darstellungen des Gekreuzigten Jesus wenigstens ein kleines Lendentuch gelassen wird. Die Römer waren nicht so feinfühlig. Ganz im Gegenteil. Der Mann am Kreuz lebt noch, als sie um sein Obergewand spielen. Das lässt sich noch zu Geld machen, weil es zum Glück eine recht brauchbare Qualität hat. Im Gegensatz zu dem da am Kreuz. Der hat sein Leben verwirkt und ist wertlos. So denken Machthaber und ihre Helfershelfer bis heute. In China wurden zum Tode verurteilten jungen, gesunden Menschen Stunden vor der Hinrichtung lebenswichtige Organe entnommen und dann auf dem Weltmarkt verkauft.

Womit wir in der Gegenwart sind.

Bildbetrachtung:

Privatsphäre? Kannst du vergessen! Persönlichkeitsrechte? Nicht, wenn es was zu glotzen oder zu quatschen oder zu holen gibt! Mach dich nackig, Alter! Die Hintermänner im Internet wissen eh alles über dich. Was du denkst, was du willst, wie du tickst. Und ganz schnell kann es heißen: Du Opfer, jetzt bist du dran! Du hast keine Chance! Du kannst uns gar nichts! Wir bleiben anonym und schlagen zu – mitten ins Gesicht. Wir fühlen uns so stark und überlegen. Heimtücke und Machtgefühl feiern

fröhliche Hochzeit. Untiefen der menschlichen Grausamkeit werden sichtbar. Wurden nicht auch die Menschen jüdischen Glaubens gezwungen, sich zu entkleiden, bevor sie in die Gaskammern der Vernichtungslager getrieben wurden? Oder die Gefangenen im Irakkrieg in Bagdad – wurden die nicht auch nackt von ihren Peinigern gequält? Man kann auch seelisch entkleidet werden. Früher betraf das nur die Leute, die im Fernsehen vorgeführt wurden zum Fremdschämen. Heute kann es jeden jederzeit im Internet treffen. Irgendwann ist der Schwachpunkt gefunden oder der Anlass für Häme und Unterstellung gegeben. Gerade jetzt in der Krise fehlt es nicht daran. Ebenso wenig wie an immer neuen Verschwörungstheorien, die die Ursache der Krise zu erklären versuchen oder die angeblich Schuldigen „eindeutig“ zu kennen meinen. Wie leicht lassen wir uns durch solche abstrusen Ideen einfangen? Wie schnell sind wir bereit uns anzumaßen, den „Wert“ eines Menschen zu beurteilen?

Bedenken wir in der Stille vor Gott, zu welchen Gelegenheiten wir selbst beteiligt waren an Häme und verletzenden Kommentaren gegen andere – und in welchen Situationen wir selbst durch solche Attacken verletzt wurden.

Gebet:

Lasst uns beten für alle, die blamiert,verspottet oder beschämt werden.

Lasst uns beten für alle, die schutzlos der Übermacht anderer ausgeliefert sind.

Lasst uns beten für alle, denen es Spaß macht, andere in die Enge zu treiben.

Lasst uns beten für uns, dass wir die Kraft haben, die Würde unserer Mitmenschen unter allen Umständen zu achten. – Herr, erbarme dich!

Beten wir das Vaterunser.

Vater unser im Himmel

geheiligt werde Dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit

Amen

Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

AMEN