Andacht
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Andacht zum Sonntag Rogate 17.5.2020

von Jörg Reichmann, ev. Pfarrer in Pößneck

Zum Sonntag:

In der evangelischen Tradition tragen die Sonntage der österlichen Freudenzeit zwischen Ostern und Pfingsten lateinische Namen, die auf einen Vers des Wochenpsalms zurückgehen. Der heutige Sonntag heißt „Rogate“ = Betet! (Bezug zu Psalm 95,6) und möchte uns ermuntern, das vertrauensvolle Gespräch mit Gott zu suchen – was wir auch beten nennen können. Anliegen und Bitten gibt es in unserer aufgewühlten und verunsicherten Krisenzeit viele. Aber vergessen wir nicht den Dank und den Lobpreis für alles, was ER uns zum Leben schenkt.

Schriftwort: 1. Timotheus 2, 1-4

Der Apostel schreibt: Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde auffordere, ist das Gebet. Es ist unsere Aufgabe, mit Bitten, Flehen und Danken für alle Menschen einzutreten,

insbesondere für die Regierenden und alle, die eine hohe Stellung einnehmen, damit wir ungestört und in Frieden ein Leben führen können, durch das Gott in jeder Hinsicht geehrt wird und das in allen Belangen glaubwürdig ist. In dieser Weise zu beten ist gut und gefällt Gott, unserem Retter, denn er will, dass alle Menschen gerettet werden und dass sie die Wahrheit erkennen.

(Neue Genfer Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder,

Der Apostel schreibt an eine uns unbekannte Christengemeinde im großen römischen Reich – mitten in Krisenzeiten. Denn die Verfolgung der Christen durch die Staatsmacht wird immer bedrückender. Wie kann Gemeindeleben überhaupt noch organisiert werden unter diesen Bedingungen? – so fragten sich die Menschen besorgt. Sie fühlten sich der Situation ausgeliefert. Das ließ die einen stumm werden, die anderen dafür um so lauter. Aber am Kaiser und seinen Helfershelfern ließ wohl kaum einer ein gutes Haar.

In Krisenzeiten liegen die Nerven blank, reagieren die Menschen noch viel schneller emotional und ohne Nachzudenken als sonst, weil sie sich ausgeliefert fühlen oder gegängelt oder, oder, oder. Ein Grund zur Aufregung ist schnell gefunden und ein Schuldiger für das ganze Schlamassel ebenso. Damals eben zweifelsfrei der Kaiser und seine Beamten. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie lang die Gesichter der Leute aus der Gemeinde wurden, als sie die Zeilen des Apostels lasen. Schon beim ersten Teil mögen sie gestutzt haben: Die wichtigste Aufgabe ist das Gebet – nicht die Organisation des Gemeindealltags, die vielen Notwendigkeiten, die unbedingt erledigt werden müssen, sondern das Gebet, die Fürbitte für alle Menschen. Ja, sie haben richtig gehört: Für alle Menschen, ausdrücklich auch für die Regierenden. Was für eine Zumutung! Sicher, das Jesuswort von der Feindesliebe und der Bitte für die Verfolger werden sie gekannt haben – aber wenn das plötzlich konkret wird im eigenen Leben? Sieht da die Sache nicht etwas anders aus? Ich kann mir die Diskussionen in der Gemeinde sehr lebhaft vorstellen.

Wir haben keinen Kaiser mehr. Und Gott sei´s gedankt auch kein politisches System, das die Christen als „verlängerter Arm des Klassenfeindes“ beschimpfte und wo es ging benachteiligte. Aber wir haben eine handfeste Krise durch den unsichtbaren Feind „Corona“, der das gewohnte Leben auf den Kopf stellt. Und wir sind Gemeinden, die unter diesen schwierigen Bedingungen ihren Alltag und die Aufgaben organisieren müssen. Das nervt, das bedeutet zusätzlichen Aufwand und schmerzhafte Einschränkung des Vertrauten. Ganz und gar Ungewohntes müssen wir aushalten – nicht nur als Gemeinden, sondern alle Menschen. Noch dazu müssen wir gründlich umdenken: Bisher war Gesundheit immer nur ein individuelles Problem oder eine persönliche Aufgabe. Jetzt aber wird klar, dass jede und jeder einen eigenen Anteil hat an der Gesundheit aller – nicht nur sich selbst zu schützen bringt etwas, sondern nur dann hat das Virus auf Dauer verloren, wenn wir uns gegenseitig schützen.

Wir Christen können noch viel mehr für die Menschen tun als Hygieneregeln einzuhalten. „Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde auffordere, ist das Gebet. Es ist unsere Aufgabe, mit Bitten, Flehen und Danken für alle Menschen einzutreten,“ schrieb der Apostel einst. Wir lesen seine Zeilen für uns heute und setzen sie auf unsere je eigene Art in die Tat um. Die einen bilden Gebetsketten, die anderen laden wie in Schlettwein die Menschen ein in die liebevoll geschmückte Kirche sonntags zum stillen Gebet. Sie schaffen Raum für die Begegnung mit Gott, geben Gelegenheit, Bitten und Dank auf kleine Zettel zu schreiben oder eine Kerze auf dem Altar zu entzünden. Und wieder andere feiern seit kurzem tapfer unter den momentanen Bedingungen Gottesdienst, bringen so vor Gott, was sie bewegt und nehmen Gottes Wort mit in die neue Woche.

Wir lesen weiter – und da steht sie, die Zumutung:

für alle Menschen einzutreten, insbesondere für die Regierenden und alle, die eine hohe Stellung einnehmen, damit wir ungestört und in Frieden ein Leben führen können, durch das Gott in jeder Hinsicht geehrt wird und das in allen Belangen glaubwürdig ist.“

Nein, auch heute ist es keineswegs selbstverständlich, für die Regierenden zu beten. Viel beliebter sind alle möglichen Spielarten von „Protest“. Aufreger finden sich immer, und natürlich auch in der Krise. Die einen gehen aus Protest spazieren, die anderen protestieren schon mal vorsichtshalber gegen eine nicht existierende Impfpflicht einer noch nicht vorhandenen Schutzimpfung. Man kann nicht früh genug damit anfangen. Andere kommen in der Krise mit Forderungen an die Regierenden, die nicht weit genug gehen können. Und erschreckend viele haben für die Regierenden überhaupt nichts mehr übrig, weil sie sich die Welt inzwischen lieber mit seltsamen Verschwörungstheorien erklären. Ein kluger Kopf hat sinngemäß gesagt: Auf die Pandemie folgt die Infodemie – womit die wuchernden Verschwörungstheorien und Falschmeldungen gemeint sind, die sich schneller als jedes Virus über das Internet verbreiten und auch Menschen infizieren, die sich bisher für immun dagegen hielten.

Hilfreich ist das alles für die Regierenden nicht wirklich. Denn die Krise führt uns in vielerlei Hinsicht an unsere Grenzen, stellt uns vor Herausforderungen, die ähnlich wohl zuletzt vor 100 Jahren beim Ausbruch der spanischen Grippe zu bewältigen waren. Entscheidungen müssen getroffen werden, die ohne Vergleich sind – und jeder Fehler kann für viele Menschen fatale Folgen haben. Da ist es gut und wichtig, Gottes Beistand und Hilfe für die Menschen in Verantwortung zu erbitten.

In dieser Weise zu beten ist gut und gefällt Gott, unserem Retter, denn er will, dass alle Menschen gerettet werden und dass sie die Wahrheit erkennen. – schreibt der Apostel. Versuchen wir es doch einmal!

Gebet:

HERR unser Gott, nimm uns hinein in die Weite Deines Reiches, in den Horizont der wachsamen Liebe, dass wir sehen, was Du siehst in unserer Welt.

So werden wir beten und unser Herz weiten für Menschen, die uns unbekannt sind; für Freme, Fragende und Suchende;

für die, Unsicheren und die Furchtsamen und die, die immer zu kurz kommen.

Wir bitten für die, die gequält werden und für ihre Peiniger, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Wir beten für die, die an ein Ende kamen und die Hoffnung verloren; für die Kranken und Sterbenden.

Nimm unser Gebet auf Dein Herz, HERR unser Gott, und hilf, dass es besser mit uns werde.

Beten wir das Vaterunser.

Vater unser im Himmel

geheiligt werde Dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit

Amen

Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

AMEN