• Andachten

    Andacht für die Karwoche, 28. März bis 3. April 2021

    Die zwölfte Station: Jesus stirbt am Kreuz

    Schriftwort: Johannes 3, 14b + 15 (Wochenspruch)

    Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

    Gedanken zum Text

    Höhen und Tiefen gibt es in jedem menschlichen Leben – und oft liegen sie nur ganz kurze Zeit auseinander. Die letzten Lebenstage Jesu sind ein eindrückliches Beispiel dafür: Als der Gesalbte des Höchsten, wie ein König wird ER mit großem Jubel der Massen in Jerusalem empfangen, so schreiben die Evangelien. Palmwedel werden geschwenkt, wie ein Teppich ausgebreitete Obergewänder schützen IHN vor dem Staub des Weges. Höher kann ein Mensch kaum steigen im Ansehen seiner Mitmenschen. Dass die römischen Sicherheitskräfte das Treiben argwöhnisch beobachteten, dürfen wir sicher annehmen. Unmittelbar danach ein Stück Alltag: SEINE Jünger und ER tauchen ein in das Gewimmel der Menschen in der Stadt, die sich auf das größte Fest des Jahres vorbereitet. Plötzlich taucht ER wieder auf, im Tempel, wo ER die gewohnten Abläufe und vor allem das lohnende Geschäft im Vorhof empfindlich stört. Jetzt steht ER endgültig im Fokus der Sicherheitskräfte. Nach außen hin ist noch alles normal, das Festessen am Sederabend wird gebührend vorbereitet. Aber es liegt bereits eine unheilvolle Spannung in der Luft, die sich nur wenige Stunden später Schlag auf Schlag entladen soll:

    Verrat, Verhaftung, Verhöre und Folter die ganze Nacht lang, morgens der Schauprozess mit bezahlten Schreihälsen im Publikum, das Todesurteil und am selben Tag noch die öffentliche Hinrichtung am Schandmal des Kreuzes. Tiefer kann ein Mensch nicht fallen in den Augen seiner Mitmenschen.

    Dass dieser abgrundtiefe Fall unverzichtbar war für das nachfolgende Wunder, wurde den Christen erst geraume Zeit später bewusst. Erst, als sie das Leben und Sterben Jesu im österlichen Licht sehen konnten, dämmerte ihnen, welches Wunder da geschehen war. Der Evangelist Johannes gehört wahrscheinlich zur vierten Generation der Christen. Er kann es ganz knapp und präzise beschreiben: Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

    Grafik: J.Reichmann

    Gedanken zum Bild:

    Die Henker leisten ganze Arbeit. Sie hieven den Querbalken mit dem Verurteilten daran am Längsbalken hoch. Sie hängen den Querbalken ein in den Haken des Längsbalkens. Sie verdrehen den Körper Jesu so, dass sie sein Gesäß auf das schmale Sitzbrett pressen können. Sie drehen die Beine seitlich zum Längsbalken übereinander und nageln sie an mit einem einzigen riesigen Nagel durch beide Knöchelgelenke. Langsam soll der Tod kommen, ganz langsam. Die nach hinten oben gezerrten Arme erschweren die Atmung. Dazu die Erschöpfung nach der Folter, die Tageshitze.Und plötzlich, so um die sechste Stunde Jesu am Kreuz, wird es Nacht mitten am Tag. Die Sonne verfinstert sich zunehmend. Die Schaulustigen sind längst gegangen. Nur die Wache steht noch da und in einiger Entfernung Jesu Mutter, seine beste Freundin und sein bester Freund. Da hören wir vom Kreuz die Stimme Jesu: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Eli, Eli, lama `azavthani?! Und dann greift die Stille des Todes nach den Herzen der Menschen.

    Der Moment des Todes, Geheimnis im eiskalten Schauer für die Weiterlebenden. Bis zum Ende bleiben nicht viele, weichen lieber aus, drängen die Gewissheit des eigenen Todes beiseite. Früher war es üblich, dass sich oft sogar die ganze Familie am Sterbebett versammelte, oder dass der Mensch wenigstens in seinen vertrauten vier Wänden sterben konnte. Das gibt es heute oft nicht mehr. Immer mehr Menschen sterben in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Der Tod ist nur noch interessant, wenn das Sterben spektakulär ist wie auf der Autobahn. Aber was kann es für den sterbenden Menschen für ein Liebesdienst sein, wenn er oder sie gewiss sein kann: Auch wenn ich diesen Weg gehen muss: Ich bin nicht allein. Ein lieber Mensch ist mit im Raum. Ich kann seine Nähe spüren, auch wenn nichts mehr geht, außer die Hand zu halten. Und der da am Kreuz stirbt, ist Jesus Christus, Gottes Sohn. Heißt das denn nicht, dass Christus auch unseren allerletzten Weg mitgeht? Dass wir diesen Weg nicht allein gehen müssen, wenn wir ihm vertrauen können?

    Gebet:

    HERR, unser Gott, hab Dank, dass DU DICH zeigst unter uns Menschen. Wir bitten DICH: Lass uns DEIN Angesicht auch entdecken in denen, die fragen und klagen, verbittert sind und verstört.

    HERR, lass uns erkennen, dass DU handeln willst in Schritten, die wir auf Menschen zugehen, die nach DIR rufen und durch unsere Hände, die wir denen reichen, die Hilfe brauchen.

    HERR, wir bitten DICH, nimm in DEINE Hände, was uns belastet und hindert, DIR zu vertrauen – die Angst und das Misstrauen, die dunklen Gedanken.

    HERR, wir bitten um DEIN Erbarmen für alle Menschen, die in Krankheit oder Alter auf den Tod zugehen. Schenke ihnen die Kraft, zu klären und anzusprechen, was ihnen den Weg erschwert.

    HERR, hilf uns, in denen, die leiden und in denen die sterben unsere Schwestern und Brüder zu erkennen, die mit uns auf dem Weg in DEINE Ewigkeit sind.

    HERR, wir danken für alle Menschen, die die Kraft haben, den Sterbenden bis zum letzten Augenblick ihres Lebens beizustehen. Amen

    Erbarmender Gott, erhöre uns. Amen

    Beten wir das Vaterunser:

    Vater unser im Himmel

    geheiligt werde Dein Name

    Dein Reich komme

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

    Unser tägliches Brot gib uns heute

    Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

    Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

    Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

    in Ewigkeit.

    Amen

    Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

    AMEN

  • Andachten

    Andacht zum 6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum 28. März 2021

    Die elfte Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt

    Schriftwort: Lukas 23, 34 (Lehrtext Mittwoch, 31.3.2021)

    Jesus sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.

    Gedanken zum Text:

    Doch, Jesus, möchten wir IHM aus unserer menschlichen Erfahrung ganz unbedingt widersprechen: Die wussten ganz genau, was sie tun, als sie DICH per Justizmord aus dem Weg räumten. Das machen die nämlich immer so und werden es nie anders machen, die Diktatoren und ihre Helfershelfer dieser Welt: Sie bringen jeden mit Gewalt zum Schweigen, der ihnen nicht in den Kram passt. Der bekommt das Schild „Staatsfeind“ oder „Klassenfeind“ umgehängt oder „Saboteur“ oder „Ungläubiger“, bevor er umgebracht wird. Damit jeder sehen kann, was passiert, wenn…Einschüchtern wollen sie, Angst verbreiten, mit voller Absicht – und meist auch mit vollem Erfolg.

    Das war nicht anders damals bei DEINEN Jüngern. Nur ein einziger, so schreiben die Evangelien, sei unter den Zuschauern am Kreuzigungsplatz gewesen. Lebensgefährlich für ihn, sobald er erkannt worden wäre. Alle anderen hatten sich versteckt im Gewühl der überfüllten Stadt, verstört, entsetzt, plan- und hilflos. Eben noch mit so viel Hoffnung und blühenden Träumen vom Sieg des Messias unterwegs, wurden sie hinein gerissen in den Strudel der Ereignisse, auf dessen Grund sie die Todesangst packte. Wieder einmal schien die Verbindung aus staatlicher Macht und Gewalt unbesiegbar zu sein.

    Was für eine Gnade, in einer Gesellschaft leben zu können, in der jeder das Recht hat, völlig angstfrei seine Ansichten und Gedanken zu äußern, auch wenn sie noch so abgedreht erscheinen mögen. So lange sie die Freiheit der Andersdenkenden respektieren, gibt es keine Grenzen. Aber noch einmal zurück zu Jesus: Was meint ER mit SEINER Bitte, wenn die Mächtigen genau wussten, was sie taten? Wussten sie wirklich, dass sie da den Sohn des EWIGEN selbst ans Kreuz nageln ließen? Sicher nicht. Für sie war Jesus nichts weiter als ein einfacher Kerl, ein lästiger Störenfried mit unklaren, religiös überhöhten Ansichten, dem die armen Schlucker und die Ausgestoßenen hinterher liefen. Den zu beseitigen, sahen sie als ihr Recht, ja sogar ihre Pflicht an im Sinne der Ordnung. Dass die Hinrichtung Jesu ein Angriff gegen Gott selbst sein könnte, wäre ihnen niemals in den Sinn gekommen. So bekommt Jesu Bitte um Vergebung für SEINE Peiniger einen ganz tiefen Sinn, der noch in anderer Hinsicht bedenkenswert ist:

    Wie viel Leid tun Menschen einander an aus blankem Unwissen. Wie oft fällt im Gespräch irgendeine flapsige Bemerkung, die den anderen zutiefst verletzt, weil der Sprecher einfach nicht weiß, welche innere Wunde er mit seinen Worten aufgerissen hat. Und das setzt sich im Großen fort. Rassismus zum Beispiel hat nicht nur etwas mit Vorurteilen zu tun, sondern ganz wesentlich auch mit Unwissen. Die Unwissenden nicht abzuurteilen, sondern sie als Mitmenschen zu achten, dazu fordert uns Jesu Bitte auf.

    Gedanken zum Bild:

    Wir kommen aus unserer Zuschauerrolle nicht heraus. Wir können nicht einfach mit der Fernbedienung das Programm wechseln. Was da gleich neben uns geschieht, hat längst jeden Unterhaltungswert verloren. Ohrenbetäubend die Hammerschläge des Henkers. Spüren wir nicht förmlich am eigenen Leib, wie sich die Spitze des kantig geschmiedeten Nagels zentimeterweise durch Haut, Fleisch und Knochen bohrt? Unsägliche Schmerzen hat Jesus zu ertragen und ich bin mir sicher: Jetzt, nach der Nacht im Folterkeller und dem schier endlosen Weg hierher auf die Hinrichtungsstätte, fehlt ihm jede Kraft zur Tapferkeit. Ich wünsche ihm nur, dass der Schmerz ihm in diesen schrecklichen Minuten das Bewusstsein raubt. Denn nur so, durch sein Schweigen, kommt vielleicht so mancher Zuschauer vielleicht doch noch zum Nachdenken. Der Henker an seiner Seite allerdings nicht. Der macht nur seinen Job, wie alle Henker dieser Welt. Eiskalt und ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, was er da gerade tut. Er ist ja nur der anonyme Vollstrecker des Todesurteils. Er folgt seinem Befehl.

    Befehle, Anordnungen, Dienstverordnungen geben Sicherheit. Da weiß der Soldat, was er zu tun hat. Alles ist klipp und klar geregelt und die Verantwortung für sein Tun trägt dann ja auch der Befehlsgeber, oder? Jedenfalls sahen das viele Angeklagte in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen nach dem Ende der Nazidiktatur so und meinten, damit auch nicht schuldig zu sein. Wenn ich bedenke, wie viel Unheil und Grauen durch gut funktionierende Befehlsketten über Menschen gebracht wurde und in vielen Staaten dieser Welt immer wieder gebracht wird! Die Folterknechte aller Zeiten und Länder lassen grüßen bis zum heutigen Tag. Und nicht nur die, gleich kommen die Terroristen aus ihren finsteren Löchern, denn auch sie sind hörig einer bestimmten Wahnvorstellung oder einem geheimen Befehlshaber, der ihnen den Auftrag zum Anschlag erteilt. Wird denn die Gewalt nie aufhören in dieser Welt? Drohgebärden, Säbelrasseln, Aufrüstung, Auslandseinsätze lassen nichts gutes ahnen. Manchmal ist es doch kaum zum Aushalten: Hilflos und ohnmächtig zusehen zu müssen, wie Katastrophen ihren Lauf nehmen, wie Wege zum Frieden immer wieder erfolglos bleiben. Warum sind wir Menschen so wenig lernfähig, selbst nach weltumspannenden Katastrophen nicht? Warum hören wir nicht zu, wenn Menschen wie der Dichter Heinrich Böll aus eigener bitterer Lebenserfahrung sagt: Ein Soldat, der anfängt zu denken, ist schon fast keiner mehr.?

    Gebet:

    HERR Jesus Christus, DU Trost der Liebe, gib unserer Art zu leben von DEINEM Glanz und DEINER Schlichtheit. Nimm uns mit auf DEINEM Weg durch das Tor zum Leben.

    HERR, wir bitten um DEIN Erbarmen für alle Menschen, die von anderen aufs Kreuz gelegt werden, festgenagelt und ausgeliefert.

    DICH bitten wir für alle, die Befehle geben müssen in dieser Welt, dass sie dabei auf ihr Herz und Hirn hören und für alle Befehlsempfänger, dass sie ihrem Gewissen verpflichtet bleiben.

    HERR, gib uns die Kraft zu DEINER Art der Sanftmut. Wir danken DIR für alle Menschen, die Wege zum Frieden suchen.

    Erbarmender Gott, erhöre uns. Amen

    Beten wir das Vaterunser:

    Vater unser im Himmel

    geheiligt werde Dein Name

    Dein Reich komme

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

    Unser tägliches Brot gib uns heute

    Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

    Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

    Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

    in Ewigkeit.

    Amen

    Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

    AMEN

  • Andachten

    Andacht zum 5. Sonntag der Passionszeit, (Iudica), 21. März 2021

    Die neunte Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

    Schriftwort: Matthäus 20,28 (Wochenspruch)

    Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass ER sich dienen lasse, sondern dass ER diene und gebe SEIN Leben als Lösegeld für viele.

    Gedanken zum Text:

    Mit Lösegeld werden Gefangene freigekauft, Übeltäter und Verurteilte. Daraus ergeben sich eine Reihe von Fragen: Wer sind die Verurteilten und wessen werden sie beschuldigt? Wer hat sie angeklagt und in Haft genommen? Das einzige, was fraglos klar ist: Das Lösegeld bezahlt der Menschensohn – aber warum mit SEINEM Leben? Die erste Frage hat eine sehr unangenehme Antwort: Die Verurteilten sind wir. Und gleich die Antwort auf die zweite Frage: Der EWIGE selbst klagt uns an. Und zwar, weil wir immer wieder tun, was wir unbedingt unterlassen sollen und unterlassen, was wir unbedingt tun sollen. Unser Leben ist ein Hin und Her zwischen guten Taten und bösen Gedanken, aus Wertschätzung gegenüber den einen und Schadenfreude gegenüber den anderen. Es ist ein Gemisch aus Liebenswürdigkeit und Selbstsucht. Da kommen wir nicht wirklich raus. Darüber hinaus sind wir auch noch vergesslich – Gott gegenüber. Leben und entscheiden so, als ob es IHN nicht gäbe und wundern uns, was dabei herauskommt: Hass und Gleichgültigkeit statt Verständnis und Liebe in Familien, unter Mitmenschen, ungezählte verpasste Momente zur Versöhnung, Vorurteile und Rechthaberei ohne Ende – kurz: verschwendetes, verfehltes Leben. ER hat also allen Grund, uns haftbar zu machen und unwiderruflich ins Verderben rennen zu lassen.

    Aber ER weiß auch, dass wir es aus eigenem Willen und eigenen Möglichkeiten niemals schaffen, über unseren Schatten zu springen und alles wieder in Ordnung zu bringen. Deshalb bringt ER es von sich aus wieder in Ordnung.

    Der Preis ist allerdings sehr hoch, für Menschen unvorstellbar hoch: ER selbst wird Mensch in Christus und durchlebt am eigenen Leib alles, was Menschen einander antun können. Schimpf und Schande, Qual, Folter und Tod – nichts bleibt IHM erspart. Und doch unterliegen am Ende Bosheit, Hinterlist und Gewalt. Der Sieg gehört der Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod, die Mut und Kraft für das Leben schenkt für alle, die ihr vertrauen können.

    Grafik:. J.Reichmann

    Gedanken zum Bild:

    Schon wieder stürzt Jesus unter dem Kreuz. Jeder Meter des Weges hat ihn zermürbt. Und jetzt hat ihn die Last des Kreuzbalkens sogar der Länge nach zu Boden geworfen. Eingeklemmt ist sein Kopf, das Gesicht liegt im Dreck. Was für eine Schmach! Die Schadenfrohen kommen jetzt voll auf ihre Kosten! Seht ihn euch doch an, dieses Häufchen Unglück! Den haben seine Anhänger für den Messias gehalten?! Die müssen doch blind und dumm gleichzeitig gewesen sein! Aber wer wie Jesus ganz am Boden liegt, den erreichen die Hohnrufe und das bösartige Lachen der Spötter nicht mehr wirklich. Der ist völlig erledigt, um den wird es dunkel und kalt. Wer einsam und am Boden ist, spürt die Kälte bis auf die Knochen, kann sich nicht mehr wehren, will nur noch, dass es so schnell wie möglich vorbei ist, nimmt sein Schicksal an, ist bereit zu sterben… Aber das alles heißt nicht, dass Jesus aufgeben würde. ER wird sich wider allen Spottes und wider aller Berechnung noch einmal mit allerletzter Kraft aufrichten, um SEINEN Weg bis zum Ende zu gehen. ER geht ihn unter Peitschenhieben und Gejohle zwar, aber doch in der Annahme SEINES Leides so großartig und einmalig. Und auf einmal wird allen, die nur ein wenig Herz und Verstand haben, das armselige und erbärmliche Wesen all seiner Peiniger bewusst. Klar, dass sie sich entlarvt fühlen und jetzt um so heftiger schreien, peitschen und grölen.

    Dreimal fällt Jesus unter der Last des Kreuzbalkens auf seinem letzten Weg. Dreimal – das Maß ist voll und nur noch durch die Vollstreckung des Todesurteils zu steigern, denn jedes mal fällt er ein Stück tiefer. Keine Tiefe, kein Abgrund des Lebens ist ihm fremd, bis hin zur tiefsten Einsamkeit inmitten des Gewühls der Menschen. Jesus in den Tiefen des Lebens, dort, wo die Menschen nach Hilfe schreien, nach Gott. Jesus in den Abgründen des Lebens, wo es keinen Ausweg mehr zu geben scheint. Er geht mit uns Menschen dort hinein und hilft uns dadurch, unser Leid anzunehmen. Und damit nimmt er schon eine gewaltige Last von unseren Schultern und trägt sie selbst. Nicht selten werden Menschen, die ihr Leid wirklich annehmen können, anderen zur Hilfe und zur Stärkung. Von ganz unten so zu sagen, direkt vom Fundament des Lebens aus. Wünschen wir uns das nicht für uns selbst? Unsere Würde bewahren zu können, auch wenn es uns ganz schlecht geht, wenn wir niedergeschmettert am Boden liegen, in jeder Bewegung, in jeder Lebensäußerung angewiesen auf die Hilfe anderer? Kann mir nicht passieren, sagen viele, dass ich jemals in solch eine Situation komme. Doch das Leben zeigt: Ein Unfall reicht aus, eine akute Krankheit oder ein langsames Dahindämmern am Ende des Lebens und aus einer geachteten Persönlichkeit wird ein hilfloser Pflegefall. Die Pflegekräfte in den Heimen arbeiten hart, gerade auch unter den aktuellen Bedingungen und es ist eine Gnade, wenn sie dabei auch den Blick für die Würde der hilflosen Bewohnerinnen und Bewohner wahren können. Amen

    Gebet:

    HERR, unser Gott, DU hast uns durch Jesus Christus berufen zur Hoffnung. DU willst, dass auch durch uns fehlerhafte und unvollkommene Menschen DEIN Reich komme in dieser Welt.

    HERR, unser Gott, ruf uns heraus aus der Furcht und stärke unser Vertrauen in DEINE Liebe, dass wir unser Leben als Gabe für uns und Menschen um uns herum erkennen.

    HERR, unser Gott, wir bitten DICH um DEIN Erbarmen für alle Menschen, die mit ihrer Kraft am Ende sind, dass ihre Würde gewahrt wird und für alle Menschen, die Verantwortung für hilflose Menschen tragen, dass sie ihre Mitmenschlichkeit mit deiner Hilfe bewahren können.

    HERR, unser Gott, wir bitten DICH auch für alle Menschen, die in die Knie gehen, weil sie sich zu viele Lasten anderer aufgebürdet haben und für die, denen von anderen immer mehr aufgebürdet und zugemutet wird.

    Erbarmender Gott, erhöre uns. Amen

    Beten wir das Vaterunser:

    Vater unser im Himmel

    geheiligt werde Dein Name

    Dein Reich komme

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

    Unser tägliches Brot gib uns heute

    Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

    Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

    Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

    in Ewigkeit.

    Amen

    Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

    AMEN

  • Andachten

    Andacht für die 4. Woche der Passionszeit, 14. – 20. März 2021

    Die achte Station: Jesus und die weinenden Frauen

    Schriftwort: Apostelgeschichte 4,20 (Lehrtext am 15. März 2021)

    Wir können ´s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.

    Gedanken zum Text

    Lukas schrieb die Apostelgeschichte mehrere Generationen nach Ostern. Inzwischen gab es christliche Gemeinden in fast allen Regionen des römischen Reiches. Diese wurden jedoch zunehmend unterdrückt und verfolgt. Viele verloren den Mut, trauten sich nicht mehr, ihren Glauben zu leben. Mit der Apostelgeschichte wollte Lukas den Christen seiner Zeit Mut machen. Er erinnerte sie an die Anfangszeit, in der die Apostel unterwegs waren und trotz aller Widerstände Gemeinden gründeten. „Wir können ´s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ – Selbst gesehen und gehört, selbst miterlebt hatten sie die Zeit mit Jesus und vor allem das Osterwunder, das ihnen die unglaubliche Energie verlieh, in nur wenigen Jahren Gemeinden im gesamten Mittelmeerraum zu gründen.

    Wenn wir die Bibel genau lesen, stellen wir fest: Von Anfang an waren auf diesem Weg Männer und Frauen unterwegs. Frauen, die Jesus als Jüngerinnen gefolgt waren, wurden die allerersten Zeuginnen der Auferstehung. Sie konnten es als erste nicht lassen, von dem zu reden, was sie gesehen und gehört hatten. Selbstverständlich leiteten Frauen wie Lydia in der Anfangszeit nach Ostern auch Gemeinden. Christen lebten in der Nachfolge Jesu gleichberechtigt, ungeachtet ihres Geschlechtes oder ihrer Herkunft – und das ohne Gender – Sprache und behördliche Regulierungspersonen.

    Erst geraume Zeit später setzte sich unter dem Einfluss der Umwelt die Dominanz der Männer auch in der entstehenden Kirche mehr und mehr durch. Allerdings gab es auch Ausnahmen: Radegunde von Thüringen soll im 6. Jahrhundert zur Diakonin geweiht worden sein, als sie Äbtissin des Klosters von Poitiers war. Auch Hildegard von Bingen 600 Jahre später erhielt höchste Anerkennung für ihr geistliches Werk. Es gab im Laufe der Zeit noch einige Frauen mehr, die in den Jahrhunderten aus den gewünschten Rollenbildern in der Kirche ausbrachen. Erst die Umbrüche im vergangenen Jahrhundert führten dazu, dass in vielen Konfessionen heute die Gleichberechtigung wieder gelebt wird.

    G rafik: J.Reichmann

    Gedanken zum Bild:

    Jesus geht die nächsten schweren Schritte auf seinem Weg zur Hinrichtungsstätte. Und wie er sich so dahin schleppt, hört er mitten im Gegröle und dem Geschrei der Soldaten ganz andere Klänge. Frauen stehen unter den Zuschauern, die nach der Tradition seines Volkes die Totenklage angestimmt haben. Ja, sie singen die schwere Melodie und die traurigen Worte und niemand hindert sie daran, denn darauf hatte selbst ein zum Tode Verurteilter wie Jesus Anspruch. Die Melodie erreicht das Ohr Jesu und es gelingt ihm, den Frauen etwas zuzurufen: „Weint nicht um mich, ihr Töchter Jerusalems. Weint über euch selbst und eure Kinder.“ Ein rätselhaftes Wort in diesem Augenblick, ein letztes prophetisches Wort Jesu, wie die Menschen in der christliche Gemeinde Jerusalems etwa 40 Jahre später erkannten. Denn im Jahre 70 unserer Zeit zerstörten die römischen Fremdherrscher nach einem gescheiterten Aufstand den Tempel und die Juden wurden über das ganze römische Reich verstreut. Das war auch die Zeit, in der die reichsweiten Christenverfolgungen begannen.

    Das Leid hört nicht auf und Jesus war nur einer von ungezählten Menschen, die in der Römerzeit qualvoll am Kreuz zu Tode kamen. Aber Jesus ruft den weinenden Frauen zu: Findet euch nicht ab damit, werdet nicht einfach gleichgültig, sondern klagt das Leid an! Klagt, klagt an, beklagt, was immer euch und uns ums Leben bringt, die Zukunft raubt für die Kinder, denn wer klagt, entdeckt in der Klage die Kraft zum Wandel. Dann, nur dann gibt es Hoffnung.

    Klagen will gelernt sein. Denn es unterscheidet sich vom Dauerjammern und vom schmalzigen Selbstmitleid ebenso wie vom raffinierten juristischen Versuch, aus einer Situation das meiste für sich herausholen zu wollen. Klagen dagegen ist ehrlich und konkret und uneigennützig. Wer klagt, der spricht die Not und das Unrecht an, nennt es beim Namen und zeigt, dass er oder sie auch bereit ist, etwas dagegen zu unternehmen. Und echte Klage ist immer auch mit echten Tränen verbunden, weil sie aus einer tiefen Betroffenheit kommt, aus einem Mitgefühl. Gibt es deshalb so wenig oder gar keine echte Klage mehr in unserem Land? Feindbilder, ja, die gibt es zuhauf, damit man drauf los gehen kann. Und vielleicht noch ein paar wenige Intelligenzler, die in scharf satirischem Kabarett ihre Klage hinter schwarzem Humor verstecken. Echte Klage gibt es kaum noch. Wird sie wiederkommen, wenn die Krise noch länger dauert? Und wird sie gehört werden? Echte Klage ist oft nur ganz leise und zu ihr gehören echte Tränen. Die zu zeigen in unserer Gesellschaft, das geht zu weit. Sie passen nicht in unsere Welt der Glücksversprechen und der Gewinnermentalität.

    Da komme ich nicht weit. Ich muss auf den Putz hauen, Lärm machen, mit Forderungen daherkommen, wenn ich etwas erreichen will. Klagen bringt nichts, aber anklagen.

    Kaum jemand traut sich zu weinen, wenn andere es sehen. Echtes Mitgefühl ist selten geworden. Ein Mitgefühl, das Respekt kennt und Anstand, das sich nicht vordergründig um die eigene Darstellung dreht: Ach, was bin ich doch Anteil nehmend und hilfsbereit. Und dabei können echte Gefühle so viel Leid lindern helfen.

    Gebet:

    HERR Jesus Christus, Du bist den Weg des Leides bis zum Ende gegangen. Wir leben davon, dass DU DICH in Liebe für uns hingegeben hast.

    HERR, lass DEINE Liebe unsere Herzen anrühren, damit Verständnis einziehe überall da, wo wir nebeneinander her leben statt miteinander und füreinander.

    HERR, wir bitten DICH, dass unsere Gemeinden zur Heimat werden, in der Trauernde getröstet und Einsame aufgefangen werden.

    HERR, wir bitten DICH um DEIN Erbarmen für alle, die ungerührt am Leid eines andern vorbei gehen oder sehen können. Weite ihre Herzen und öffne ihre Augen.

    HERR, wir bitten DICH für alle, die helfen wollen, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Und für alle, die die ersten Schritte gehen, um sich zu ändern.

    Erbarmender Gott, erhöre uns. Amen

    Beten wir das Vaterunser:

    Vater unser im Himmel

    geheiligt werde Dein Name

    Dein Reich komme

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

    Unser tägliches Brot gib uns heute

    Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

    Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

    Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

    in Ewigkeit.

    Amen

    Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

    AMEN

  • Andacht
    Andachten

    Andacht zum 4. Sonntag der Passionszeit, 14. März 2021

    Die siebente Station: Jesus fällt zum zweiten mal unter dem Kreuz

    Schriftwort: Johannes 12,24 (Wochenspruch)

    Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

    Gedanken zum Text:

    Immer wieder diese Frage – der Evangelist Johannes konnte sie wohl schon bald nicht mehr hören: Warum musste Jesus leiden, wenn ER doch Gottes Sohn war, ja sogar Gott in IHM, wie du geschrieben hast am Anfang deines Evangeliums, Johannes? Wenn der EWIGE IHN, den Christus, höchstpersönlich vom Himmel schickt, dann hätte ER das Erlösungswerk doch um einiges eleganter und würdiger gestalten können?! Musste ER unbedingt dabei vor die Hunde gehen? Musste es unbedingt diese schmachvolle Todesfolter am Kreuz sein? Auf diese Art hingerichtet zu werden, war die größtmögliche Erniedrigung eines Menschen im römischen Reich. Und wer einem Gekreuzigten folgte, wer sogar behauptete, dieser sei der Messias, der war in den Augen der Außenstehenden keinen Deut besser. Warum also musste Jesus leiden und sterben?

    Und überhaupt: Ist aus rein menschlicher Sicht nicht jedes Leid, jeder Tod am Ende sinnlos, weil das Leben zerstört wird? Sicher, man kann alles schönreden. Man kann vom „Heldentod“ reden oder vom „Tod auf dem Feld der Ehre“, um der Grausamkeit des Sterbens im Krieg nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Auch in Friedenszeiten bemüht man sich, dem Tod einen Sinn zu geben. Neuerdings wird zum Beispiel immer wieder lautstark vom „selbst bestimmten Sterben“ gesprochen. Nach meinem Eindruck verbirgt sich dahinter nichts anderes als die schreckliche Wahrheit eines Selbstmordes aus Hoffnungslosigkeit oder verlorenem Lebenssinn.

    Johannes findet eine Antwort auf die bohrende Frage der Menschen aus seiner Gemeinde. Er erkennt, dass im Leiden und Sterben Jesu eben doch ein Sinn liegt. Und er kann seine Gedanken in einem Vergleich aus dem Leben seiner Zuhörer formulieren, den sie sofort verstehen:

    Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

    Schaut euch um, wird er dann gesagt haben: Jesus wurde gekreuzigt – und doch finden immer mehr Menschen zum Glauben. Das ist auch heute noch so. Zugegeben: In unserer satten Wohlstandsgesellschaft merken wir seit Jahren nichts davon. Rückläufige Zahlen, geschwundene Erwartungen an Kirche bestimmen das Bild. Und die meisten derer, die überhaupt noch etwas erwarten, denken: „Mit der Kirche ist es wie mit der Feuerwehr. Gut zu wissen, dass es sie gibt. Und noch besser, wenn man sie nicht braucht.“

    In den ärmsten Regionen dieser Welt hingegen wachsen die christlichen Gemeinden in rasantem Tempo, weil sie konkrete Hilfe in der Bewältigung des Alltags organisieren und eine Gemeinschaft bieten, die im Vertrauen in die Liebe Gottes getragen ist. Wie das bei uns aussehen könnte, ganz konkret, hier und heute, in der Krise und bei der Bewältigung ihrer Folgen, wäre auch einmal ein bedenkenswertes Thema für die Fastenzeit.

    Grafik. J.Reichmann

    Gedanken zum Bild:

    Schon wieder geht Jesus in die Knie, kann er die Last des Kreuzes nicht mehr schleppen. Seine Kräfte versagen. Manche der Umstehenden erschrecken, andere halten die Luft an: Da liegt ER wie ein Häufchen Unglück, SEINE Gestalt ist kaum mehr auszumachen unter dem wuchtigen Balken. Erneut muss er Anlauf nehmen, um sich hoch zu stemmen. Das sieht aus unserer Perspektive der Zuschauer ziemlich hoffnungslos aus. In dieser Körperhaltung wird er wohl kaum wieder auf die Beine kommen. Das höhnische Lachen vieler Umstehenden klingt nur noch gepresst und hohl. Die kühlen Rechner unter den Soldaten überschlagen den Zeitbedarf des Verurteilten für die verbleibende Wegstrecke bis zur Hinrichtungsstätte und machen sich auf einen verspäteten Feierabend gefasst. Das macht sie wütend und so schlagen sie mit ihren Peitschen auf Jesus ein, bis es ihm doch noch einmal gelingt, unter dem Grölen der Massen und den Schreien der Henkersknechte auf die Beine zu kommen. Wie weit wird er kommen? Wieder nur ein paar Schritte?

    Die Welt ist voll von Beispielen erschöpfter Menschen. Menschen, die nicht nur einmal ganz von vorn anfangen mussten und müssen. Lebensgeschichten erzählen davon, Fluchtgeschichten in den Monaten des Kriegsendes 1945, aus der DDR, aus Syrien und Afghanistan. Vielleicht haben wir selbst die Erfahrung machen müssen: Nichts geht mehr? Schlimm, wenn uns andere in solch ein Tief hinein treiben. Was aber, wenn wir uns selbst hinein geritten haben? Wenn wir einen Fehler gemacht oder gar Schuld auf uns geladen haben und nun nicht mehr wissen, wie wir wieder aus dieser Falle heraus kommen sollen? Dann drückt uns das Kreuz unserer Schuld fast die Luft ab. Und es nur einen Weg durch ein solches Tief, der mit einem Satz beginnt, der sich schwerer sagt als „Ich liebe dich“. Er liegt erst im Magen wie zu viel fettiges Essen. Dann steckt er als Kloß im Hals fest, im Mund lähmt er Zunge, Lippen, Gaumen. Er wehrt sich bis zuletzt dagegen, gesagt zu werden. Der Satz heißt: „Ich war´s“ oder auch: „Ich bin schuld, ich hab´s verbockt, ich bin verantwortlich. Ich bekenne mein Versagen.“ Aber wer wirklich wieder auf die Beine kommen will, kommt um diesen Satz nicht herum. Amen

    Gebet:

    HERR, unser Gott, wir bitten um DEIN Erbarmen für alle Menschen, die von anderen bis zur Erschöpfung angetrieben und ausgenutzt werden und keinen Ausweg mehr sehen. Stehe ihnen bei.

    HERR, unser Gott, wir bitten DICH für alle Menschen, die andere ständig drangsalieren und vorwärts treiben aus eigenen Interessen. Lass sie zur Besinnung kommen und ihr Handeln verändern.

    HERR, unser Gott, wir bitten für die, die durch eigenes Versagen oder eigene Schuld in ein tiefes Loch gefallen sind, dass sie den Mut haben, zu ihrer Schuld zu stehen und bitten DICH: lass uns DEIN Licht auch in unseren dunklen Momenten sehen können.

    HERR, unser Gott, wir bitten DICH, hilf uns, bescheiden zu sein und friedvoll und stärke unser Vertrauen in DEINE Liebe, die unsere Welt erneuert, DEINE müde Kirche weckt und uns allen DEINE Zukunft schenkt.

    Erbarmender Gott, erhöre uns. Amen

    Beten wir das Vaterunser:

    Vater unser im Himmel

    geheiligt werde Dein Name

    Dein Reich komme

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

    Unser tägliches Brot gib uns heute

    Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

    Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

    Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

    in Ewigkeit.

    Amen

    Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

    AMEN

  • Andachten

    Andacht für die 3. Woche der Passionszeit, 7. – 13. März 2021

    Die sechste Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

    Schriftwort: 1. Johannes 4,16 (Lehrtext am 10. März 2021)

    Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

    Gedanken zum Text

    Dieser Vers aus dem 1. Johannesbrief gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Bibelsprüchen für Trauungen. Klingt er doch auch nach Romantik und immerwährender Liebe. Es ist in der Regel nicht leicht zu vermitteln, dass hier allerdings kein Wort von romantisch aufgeladenem Gefühl steht, sondern der Apostel klar und deutlich von der konkreten Nächstenliebe spricht. Er spricht von der Liebe, die unterschiedslos in jedem Menschen den Nächsten sieht, der nicht gleichgültig ist, wie es ihm oder ihr ergeht. Diese Liebe ohne Unterschied, ohne Einschränkung ist die göttliche Liebe des Schöpfers, durch dessen Gnade wir alle leben dürfen.

    An diese Grundlage unseres Seins erinnert der Apostel, bevor er zu unserer Aufgabe im Leben kommt. Er beschreibt sie mit wenigen Worten:

    „und wer in der Liebe bleibt“… Auch das hört sich zunächst romantisch an, so als könne man sich unter die warme Decke der Liebe kuscheln und am besten ganz still liegen bleiben, damit nur ja kein kalter Luftzug von irgendwoher die Idylle stört. Nein, so einfach ist es nicht. Wer in der Liebe bleiben will, in allen Herausforderungen, Belastungen und Ärgernissen des Alltags menschlich und anständig und einfühlsam und ehrlich bleiben möchte, der merkt bald, dass das harte Arbeit sein kann. Friedlich und gerecht zu sein erfordert Mühe und vor allem sehr, sehr viel Geduld und Nachsicht – mit den anderen und oft auch mit sich selbst. Da wird es Enttäuschungen, Zweifel und Rückschläge geben. Das weiß jeder, der in der Liebe bleiben möchte. Verunsicherung macht sich breit, die dem Mut die Luft nimmt. Damit das nicht passiert, fügt der Apostel an die Aufgabe die Vergewisserung an: „und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Wer den Weg der Liebe weiter geht, der darf darauf vertrauen, dass seine Schritte gesegnet sind, so klein sie auch sein mögen und so unsicher sie auch wirken. Denn sie schaffen „Spielraum“ für gelingendes Leben, miteinander und füreinander.

    Grafik: J.Reichmann

    Gedanken zum Bild:

    Auch so ein kleiner Schritt der Menschlichkeit mitten im Geschrei der Henkersknechte, der Spötter und Gaffer am Gassenrand: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch. Völlig erschöpft war ER, ein Bild des Jammers, schleppte den schweren Balken wieder allein. Simon von Kyrene war jedenfalls schon nicht mehr bei Jesus. Schließlich wollten die Leute, dass der Verurteilte sein Kreuz selber schleppte! Jetzt begegnete Jesus wieder einem Menschen. Die Geschichte der Veronika ist eine Legende, einfach zu schön um wahr zu sein. Zu schön inmitten des grausigen Trauerspiels vom Kreuzweg, zu herzerwärmend in der eiskalten Wirklichkeit staatlicher Willkür, die vor der Hinrichtung Unschuldiger nicht zurückschreckt. Die Begegnung mit der Mutter hätte ja vielleicht noch durch Blickkontakt geschehen können. Aber für Veronika ist es schlichtweg unmöglich, dem Verurteilten so nahe zu kommen, wie die Legende voraussetzt. Denn sie hätte ihm selbst das verschwitzte Gesicht abtrocknen müssen. Die Soldaten des Hinrichtungskommandos hätten das auf gar keinen Fall zugelassen. Doch ist diese Legende so wertvoll, weil sie einen uralten Menschheitstraum aufnimmt: Dass die Mitmenschlichkeit, die Nächstenliebe mitten in der Brutalität dieser Welt eine Chance hat. Und Veronika wird zur Symbolfigur dieses Traumes, weil sie handelt, wo andere sagen: Da kann man nichts machen – oder nur gaffen oder sich angeekelt abwenden. Es ist die Geschichte einer mutigen jungen Frau, die sich das Elend des Verurteilten nicht mehr länger mit anschauen kann. Sie hat kaum etwas in den Händen, mit dem sie helfen könnte. Aber sie weiß: Jetzt muss ich es tun. Und so nimmt sie vielleicht sogar ihr Kopftuch oder auch nur den Zipfel ihres Gewandes, tritt zu Jesus heran und wischt ihm die Tränen und das Blut und den Schweiß vom Gesicht. Mehr kann sie nicht tun, bevor sie die Henkersknechte mit Peitschenhieben davon jagen. Aber ist das nicht unendlich viel? Gibt sie dem geschundenen Jesus damit nicht ein ganzes Stück seiner Würde zurück?

    Immer wieder fragen Menschen: Wo zeigt sich denn Gott? Wie ist seine Nähe zu erfahren? Ist es nicht so, dass das Leid in der Welt gegen Gott spricht? Das scheint für den kühlen Beobachter des Leids tatsächlich denkbar zu sein. Für einen Menschen aber, dem das Leid anderer nicht gleichgültig ist, ergibt sich eine ganz andere Sicht: Nur mit ganz viel Gottvertrauen können wir überhaupt gegen das Leid in der Welt ankommen, im Kleinen, mit winzigen Schritten. Und jeder Sieg des Lebens und der Liebe durch Menschen wie Veronika ist wie ein Gottesbeweis. In der traumhaften Legende nimmt Veronika das Tuch mit dem Schweiß und dem Blut Christi mit sich. Das Schweißtuch, das zum Symbol wird für die christliche Glaubenswahrheit, dass Gott in Christus immer auf der Seite der Leidenden steht, mehr noch: ER leidet mit und trägt hindurch. Kein Schmerz ist ihm fremd, keine Verzweiflung, keine Aussichtslosigkeit.

    Manchmal können wir nur ganz wenig tun – so wie Veronika. Aber wer kann schon wirklich als Helfer einschätzen, wie bedeutsam seine Hilfe für den Hilflosen ist?

    Gebet:

    HERR, unser Gott, DU kommst uns nahe, damit wir einander verstehen und über unseren Horizont schauen lernen. Dafür danken wir DIR von ganzem Herzen.

    HERR, wir bitten DICH, lass uns Menschen finden, die uns ermutigen zu Liebe, die nicht nur sich selbst sucht. Hilf uns, die Zweifel zu überwinden, ob wir mit unserer Hilfe für andere viel ausrichten können.

    HERR, wir bitten DICH für alle, denen es schwer fällt, Hilfe anzunehmen. Und wir danken dir für jeden Menschen, der mit seinen Mitteln und Möglichkeiten für andere da ist.

    Erbarmender Gott, erhöre uns. Amen

    Beten wir das Vaterunser:

    Vater unser im Himmel

    geheiligt werde Dein Name

    Dein Reich komme

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

    Unser tägliches Brot gib uns heute

    Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

    Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

    Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

    in Ewigkeit.

    Amen

    Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

    AMEN

  • Andachten

    Andacht zum 3. Sonntag der Passionszeit, (Okuli), 7. März 2021, mit Bezug zum Weltgebetstag 5.3. 2021 – Vanuatu

    Die fünfte Station: Simon von Kyrene hilft Jesus das Kreuz zu tragen

    Schriftwort: Matthäus 7, 24 -27

    Jesus spricht: Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der wird einem klugen Mann gleichen, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.

    Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der wird einem törichten Mann gleichen, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.

    Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht.

    Gedanken zum Text:

    Diese Worte Jesu sind der Schlussakkord der Bergpredigt, eines der bekanntesten biblischen Texte überhaupt. Wer kennt sie nicht, die Seligpreisungen oder auch das Vaterunser oder die herausfordernden Weisungen wie: „Liebet eure Feinde“? Die Menschen, die diese Rede hörten, waren entsetzt, schreibt Matthäus. Sie spürten die starke Ausstrahlungskraft, die machtvolle Verbindlichkeit, die göttliche Vollmacht, mit der ihnen Jesus Gottes Wort verkündete. Authentisch, ehrlich, ungefiltert, horizonterweiternd, aber auch ernüchternd, weil die Zuhörer wohl auch die eigenen Lebensgewohnheiten und Denkmuster infrage gestellt sahen – und nicht nur die Zuhörer. Besonders auch die Autoritäten der Schriftauslegung, Schriftgelehrte genannt, und mehr noch die Oberen im Tempel konnten mit der Vollmacht Jesu und der Klarheit SEINER Worte nichts anfangen. Sie hielten sie einfach nur für gefährlich. Zu oft sprach ER für sie vom Endgericht, so wie im Gleichnis vom Hausbau. Nein, ER war kein Bauingenieur, der statische Vorgaben zum Hausbau bekanntgab, damit es den zu erwartenden Naturgewalten standhielt. Platzregen, Wasserflut und Sturm sind für IHN viel mehr: In der biblischen Tradition der Propheten (Jesaja 28) stehen sie für das heranbrausende Gericht des EWIGEN über die Sprücheklopfer und Spötter. Diesem Gericht kann nur mit gutem Ausgang entkommen, wer sein Haus auf Fels gebaut hat – oder wie Jesus selbst sagt: Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der wird einem klugen Mann gleichen, der sein Haus auf Fels baute. Das Wort Gottes hören und tun – darauf kommt es an. Jesus selbst lebt es vor. SEINE Kompromisslosigkeit in diesem Punkt wird IHM zum Verhängnis. Als ER die Händler aus dem Tempelvorhof vertreibt, werden die römischen Ordnungshüter endgültig nervös und die Tempeloberen jubeln insgeheim. Nur Stunden später befindet ER sich bereits auf dem Weg zur Hinrichtung.

    Grafik: J. Reichmann

    Gedanken zum Bild:

    Wie lange soll der Weg zur Hinrichtungsstätte noch dauern? Jesus schleppt sich so mühsam dahin, dass die Henkersknechte ihren Feierabend in Gefahr sehen. Und das geht gar nicht! Denn je eher sie fertig werden mit ihrem mörderischen Job, um so eher können sie eintauchen in die Volksfestatmosphäre der Stadt. Da kommt ihnen die rettende Idee: Sie greifen kurzerhand einen der Schaulustigen vom Gassenrand heraus und befehlen ihm, den Querbalken des Kreuzes mit zu tragen. Ihre Willkür und ihr Machtrausch kennen keine Grenzen. Simon von Kyrene weiß nicht recht, wie ihm geschieht. Ausgerechnet ihn hat es erwischt! Ausgerechnet ihn starren jetzt alle an: Die Zuschauermenge, die Soldaten. Simon, den Fremdarbeiter aus dem Gebiet des heutigen Tripolis in Libyen, den Mann mit Migrationshintergrund, der mit dieser ganzen Sache hier eigentlich nichts zu tun haben will. Nur eben mal mit zugucken will er, was da los ist. Aber hinein gezogen werden in diese Geschichte – das ist alles andere als sein Plan. Doch weglaufen geht nicht – er muss sich fügen und sehen, dass er irgendwie aus der Sache wieder heraus kommt. Die beiden unter dem Kreuzbalken halten zusammen, im wahrsten Sinn des Wortes. Gemeinsam tragen sie das Kreuz, halten den schweren Balken im Gleichgewicht und geben auch einander Halt.

    Bedauernswert, dieser arme Zuschauer am Rand, der ohne Vorwarnung hineingezogen wird ins Zentrum des Geschehens, oder? Oder ist er selber schuld, weil er unbedingt in der ersten Reihe stehen musste? Die Meinungen werden sicher auseinander gehen – aber tauschen möchte niemand mit ihm. Auch heute werden Menschen gegen ihren Willen gezwungen, das Kreuz anderer zu tragen. Es bleibt ihnen keine Wahl. Angehörige brauchen plötzlich und dann für lange Zeit Hilfe und Pflege. Mit viel Liebe versorgen die Menschen die hilflose Mutter oder den Vater – und haben sich doch das eigene Leben ganz anders vorgestellt, stellen alle eigenen Pläne zurück. Aus der Sicht der Hilflosen ist das meist der einzige Weg, weiter ein Leben in den vertrauten Wänden zu führen. Und so werden die Helfer für Engel ohne Flügel für sie. An wen denken wir, denke ich, wenn ich Simon von Kyrene vor mir sehe? Wer ist in meiner Bekanntschaft oder in meiner Familie zurzeit in der Rolle des Simon? Könnte ich sie oder ihn für ein paar Stunden entlasten? Sind wir uns bewusst, dass wir selbst einmal ganz dringend einen solchen Helfer wie Simon gebrauchen könnten?

    Das führt uns auf direktem Weg zurück zur Bergpredigt. Jesus fasst wenige Sätze vor dem Gleichnis vom Hausbau SEINE Worte zusammen: Behandle jeden Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest.

    Daran orientieren sich auch die Frauen der Weltgebetstagsvorbereitungsgruppe in Vanuatu. Sie verstehen das Gleichnis vom Hausbau als einen Impuls, sich für eine friedlichere und gerechtere Gesellschaft in ihrer Heimat einzusetzen. Da gibt es noch viel zu tun. Vor allem Frauen und Mädchen sind an vielen Stellen benachteiligt. Sie werden auch oft Opfer von Gewalt, denn es gibt nur wenige Arbeitsmöglichkeiten außerhalb des Tourismus auf dem Land und sehr viele Menschen sehen keine Perspektive für sich.

    Wir haben sicher andere Sorgen in unserem Lebensbereich. Aber die Krise verschärft auch viele Probleme, bei deren Bewältigung wir als Gemeinden in den nächsten Jahren gefragt sein werden. Auch wenn das vielleicht nur kleine Schritte sein können, sie werden gesegnet sein. Es nicht probiert zu haben, wäre das Haus auf Sand. Amen

    Gebet:

    HERR, unser Gott, wir bitten DICH für alle, die unter der Last ihres Kreuzes schwanken, die sich schwach hilflos fühlen angesichts ihres Schicksals. Stehe ihnen bei und stärke ihr Vertrauen in sich selbst und in DEINE Liebe, die neue Wege weist.

    HERR, unser Gott, wir bitten DICH auch für alle, die ganz unverhofft oder sogar wider willen wie Simon von Kyrene zu Helfern werden müssen. Gib ihnen die Kraft, dass sie zu ihrer Verantwortung stehen können.

    HERR, unser Gott, wir danken dir für jeden Menschen, der uneigennützig und bescheiden hilft, wo er kann und wo er gebraucht wird. Durch sie wird DEINE Liebe spürbar in unserer Welt.

    HERR, unser Gott, öffne uns die Augen, dass wir DICH erkennen in jedem einsamen Menschen, in jedem, dem das Leben weh tut, der leidet unter Worten oder Händen Herzloser. Gib uns den Mut, DIR in ihnen beizustehen.

    Amen

    Beten wir das Vaterunser:

    Vater unser im Himmel

    geheiligt werde Dein Name

    Dein Reich komme

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

    Unser tägliches Brot gib uns heute

    Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

    Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

    Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

    in Ewigkeit.

    Amen

    Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

    AMEN

  • Andacht
    Andachten

    Andacht für Sonntag Reminiscere, 28. Februar 2021, 2. Sonntag der Passionszeit

    Schriftwort: 2. Korinther 4, 8+9 (Lehrtext der Herrnhuter Losungen für den Sonntag)

    Paulus schreibt: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.

    Die dritte Station: Jesus fällt unter dem Kreuz

    Liebe Schwestern und Brüder!

    Wer Paulus nicht kennt, der fragt sich beim Hören oder Lesen dieser Worte sofort: Was ist das für ein Mensch? Von welchen Umständen spricht er? Die Worte klingen nach Widerstand, nach „jetzt erst recht“ und und nach einem gewaltigen Ego. Paulus, der Held, der cool bleibt, wenn ihn das Leben beutelt. Fakt ist: Immer wieder hat ihm jemand übel mitgespielt, leider nicht nur die Gegner und Verfolger der Christen. Auch unter den eigenen Leuten gab es miese Charaktere, die ihn kaltstellen wollten. So zum Beispiel auch in der Gemeinde in Korinth, an die er mehrere Briefe schrieb. Da wurde er von einigen, die für Macht und Einfluss die gemeinsame Sache verrieten, zum „Buhmann“ gemacht. Erstaunlich, wie es Paulus gelang, mit diesen Erfahrungen umzugehen.

    Wer Paulus kennt, der weiß, dass er alles andere als ein cooler Held war. Eigensinnig, das ja, auch energisch und ausdauernd war er, schonte sich kein bisschen, ging wohl auch oft genug bis an die Grenze seiner körperlichen Kräfte. Aber ein Held, dem keine Anfeindung etwas ausmachte, der über allem stand und immer alles im Griff hatte, das war er ganz bestimmt nicht. Er selbst kann von seiner Schwachheit schreiben, kennt seine Fehler, weiß aber auch um seine Stärken.

    Und so können wir seine starken Worte auch durchaus als eine Art Selbstvergewisserung in schwieriger Zeit verstehen. Allerdings nicht in der Art von „Denk positiv – und alles ist gut!“ Denn Paulus geht es nicht darum, sich die Welt und die eigenen Lebensumstände schöner zu reden als sie in Wirklichkeit sind. Er nimmt die Wirklichkeit wahr und er nimmt sie ernst in ihrer ganzen Härte. Aber er erinnert sich, er findet Halt und Mut in der Erinnerung. Immer wieder erinnert er sich: Ich gehöre zu Jesus Christus, der den Weg des Leidens gegangen ist. Wer zu Jesus Christus gehört, der darf darauf vertrauen, dass der HERR sein Leid kennt und mit ihm durchlebt. Das heißt, ER kennt mein Leid, ich darf auf seine Gegenwart vertrauen, muss da nicht allein durch.

    Das klingt ganz anders als die heldenhafte Durchhalteparole eines Überfliegers, die die „normalen“ Ängstlichen und Verzweifelten und Unterdrückten dieser Welt eher in Zweifel stürzt als dass sie ihnen Halt und Hilfe sein kann.

    Für Paulus wurde es zur Lebenserfahrung: Wer zu Jesus Christus gehört, der darf darauf vertrauen, dass der HERR sein Leid kennt und mit ihm durchlebt.

    Grafik: J.Reichmann

    Daran erinnern wir uns, wenn wir in diesen Wochen der Passion den Kreuzweg Christi bedenken. Nach dem Urteil über IHN begann der Weg zur Hinrichtung, der ein eigener Teil der grausamen Inszenierung war. Die Todeskandidaten sollten dem Spott der Zuschauer preisgegeben werden, verhöhnt, aller Würde beraubt. Nicht nur Worte wurden den Verurteilten an den Kopf geworfen, alles war erlaubt. Die Henkersknechte taten das Ihre dazu, trieben die Todeskandidaten mit Peitschenhieben voran, die den schweren Querbalken des Kreuzes in grotesken Haltungen bis zum Galgenberg schleppen mussten. Der Weg führte durch die verwinkelten und engen Gassen Jerusalems. Da hindurchzukommen, ohne zu straucheln, war kaum möglich. Wie zu erwarten: Es dauerte nicht lang, und Jesus kam aus dem Gleichgewicht, verlor die Balance. Der Querbalken kippte vorn über. Hatte ihn ein Henkersknecht absichtlich gestoßen, damit die gaffenden Massen etwas zu johlen hatten? Oder wollte Jesus vielleicht einem Wurfgeschoss aus der Zuschauermenge ausweichen? Jetzt lag er im Dreck. Es kostete ihn große Anstrengung, wieder aufzustehen. Höhnisches Lachen gellte durch die Gasse, gebrüllte Befehle der Soldaten schepperten in seinen Ohren. Und viele am Rand redeten und spotteten über ihn, den Gestrauchelten, dem sie sich jetzt so unendlich überlegen fühlen konnten. Niemand von den Spöttern half ihm, wieder auf die Beine zu kommen. Von den Henkersknechte auch keiner, die trieben ihn nur an mit ihren Peitschen. Nichts als kalte Schadenfreude, nichts als bösartige Häme. Nach qualvoll langen Minuten hatte ER es geschafft, ging die nächsten, wankenden Schritte auf SEINEM letzten Weg.

    Ein bissiges Sprichwort behauptet: „Schadenfreude ist die schönste Freude!“ – Das trifft natürlich nur für den zu, der zuschaut. Der zu sein, der am Boden liegt, ausgeliefert, und alle drum herum glotzen nur und lachen und quatschen, diese Erfahrung möchte niemand von uns machen. Und doch geschieht es immer wieder: Aufdringliche, respektlose Gaffer behindern bei Unfällen die Rettungskräfte, fotografieren und filmen mit ihren Mobiltelefonen die Opfer und stellen die Bilder online. Leid als Sensation, nur interessant als Unterhaltung.

    Sonst heißt es: Was geht mich das an, wenn du fällst, wenn du Hilfe brauchst? In einer deutschen Großstadt ging ein Autofahrer auf einen Rettungsdienstmitarbeiter los, weil sein Auto durch einen Noteinsatz zur Rettung eines Kindes zugeparkt werden musste. Was geht mich das an, wenn du Hilfe brauchst? Jeder ist sich selbst der Nächste in dieser Gesellschaft. Manche hoffen, dass das durch die Pandemie wieder ein bisschen anders werden könnte. Dass wir doch wieder ein bisschen mehr Verantwortung füreinander zu übernehmen bereit sind, und zwar nicht nur für die eigene Familie und den Freundeskreis, sondern sogar für fremde Leute, indem wir uns an die Hygieneregeln halten, obwohl sie oftmals auch anstrengend sein können.

    Ob an dieser Hoffnung etwas dran ist, wird sich erst zeigen, wenn das Virus eingedämmt sein wird und die Vorschriften zurückgefahren werden können.

    Auch wir können fallen unter der Last oder den Aufgaben oder den Schicksalsschlägen des Lebens. Und dann sind auch sofort die Spötter da und noch schlimmer manchmal die Besserwisser mit ihren Sprüchen: Ich hab´s doch gleich gesagt oder gewusst… Wer fällt, wer versagt, wird einsam. Da laufen die Freunde eher weg als dass sie bleiben.

    Und ehrlich: haben wir uns noch nie dabei erwischt, spöttisch geredet zu haben über das Pech anderer? Und sind wir wirklich noch nie anderen damit zur Last gefallen? Selbst zu fallen oder anderen zur Last zu fallen – das können wir im Leben nicht vermeiden. Niemand von uns ist ohne Fehler, ohne Sünde, wie es die Heilige Schrift sagt. Aber wer hilft uns wieder auf die Beine, wer entlastet die Menschen, denen wir zu tragen geben?

    Jesus steht wieder auf. ER wird alle diese Laster und Lasten ans Kreuz bringen, damit die Menschen überhaupt eine Chance auf Zukunft haben. Und genau daran erinnert sich Paulus. Deshalb kann er den Menschen in der Gemeinde von Korinth so getrost und zuversichtlich schreiben: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Mitten im Chaos des Alltags schimmert schon ein wenig Osterhoffnung durch, die Halt gibt und Kraft. Amen

    Gebet:

    HERR unser Gott, stärke unser Vertrauen in DEINE Liebe, die uns den Mut und die Kraft zum Leben schenkt. Hilf uns DIR zu folgen auf dem Weg der Liebe.

    HERR, wir bitten DICH, schenke uns das Gespür für alles, was dem Weg der Liebe widerspricht in unseren Worten, in unseren Blicken und Gesten.

    HERR, wir bitten um DEIN Erbarmen für alle, die nur sich selber sehen und denen das Leid anderer eher lästig ist. Weite ihren Horizont und schenke ihnen ein mitfühlendes Herz.

    HERR, wir bitten für alle, die in Schuld geraten oder in Schuld verstrickt sind. Besonders bitten wir für die, die uns brauchen, um in ihrem Leben wieder auf die Beine zu kommen.

    HERR, gib uns DEINEN Geist, der uns weise macht und menschlich, damit auch durch uns die Angst kleiner werde, die Tränen getrocknet werden und Menschen neue Hoffnung spüren.

    Sei uns allen nahe, HERR, erbarmender Gott, mit DEINEM Segen, von dem DEIN Reich voll ist. Amen

    Beten wir das Vaterunser:

    Vater unser im Himmel

    geheiligt werde Dein Name

    Dein Reich komme

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

    Unser tägliches Brot gib uns heute

    Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

    Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

    Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

    in Ewigkeit.

    Amen

    Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

    AMEN

  • Andachten

    Andacht für Sonntag Invocavit, 21. Februar 2021, 1. Sonntag der Passionszeit

    Vor einem Jahr hätte sich wohl kaum jemand vorstellen können, dass die Pandemie auch jetzt noch bestimmend ist für unseren Alltag. Doch es ist wahr: Auch in der Passionszeit 2021 erleben wir weiter Einschränkungen und das Virus ist weiterhin eine Gefahr. Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme sind ebenso in besonderem Maße geboten wie Geduld und Unterstützung für die von der Krise besonders hart Betroffenen – und ebenso auch geistliche Stärkung, die Halt und Orientierung geben kann, weil sie erinnert, dass Jesus gerade auch die schweren und harten Wege unseres Lebens mitgeht. Deshalb möchte ich mit Ihnen an den Sonntagen und in den Wochen der Passionszeit nachdenken über die Stationen SEINES Leidensweges. Den „Kreuzweg“, wie er auch genannt wird, begehen wir in der Regel am Karfreitag in sieben oder auch vierzehn Stationen, zeitlich recht eng gefasst. In diesem besonderen Jahr lade ich Sie ein, sich mehr Zeit zu nehmen und den Gedanken vielleicht noch intensiver nachzuspüren. Wir beginnen mit der ersten Station:

    Jesus wird verurteilt

    Schriftwort: 1. Johannesbrief 3, 8b (Wochenspruch)

    Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass ER die Werke des Teufels zerstöre.

    Liebe Schwestern und Brüder!

    Den Worten aus dem 1. Johannesbrief merkt man sofort an, dass sie geraume Zeit nach Ostern geschrieben wurden. Denn erst dann erkannten die Christen die volle Bedeutung des Leidens, Sterbens und Auferstehens Christi. Dass Tod und Teufel gegen IHN nicht die Spur einer Chance hatten, sondern dass ER sie besiegte. Am Anfang SEINES Leidensweges jedoch sah das für SEINE Jünger noch ganz anders aus. Da erlebten sie, wie ihr HERR und Meister in die Hände eines Teufels in Menschengestalt geriet – des römischen Prokurators Pontius Pilatus, dem Praefekten der Provinz Iudaea, dessen Namen die Christenheit niemals vergessen wird. „Gelitten unter Pontius Pilatus“ heißt es kurz und zutreffend im zweiten Artikel des Glaubensbekenntnisses, der von Christus spricht. Dass Pilatus in den Evangelien so gut wegkommt, fast als unschuldig am Tode Jesu dargestellt wird, der sich sprichwörtlich die Hände „in Unschuld“ gewaschen haben soll, werden die Christen zur Entstehungszeit der Evangelien angesichts der immer grausamer werdenden römischen Christenverfolgung nur als beißende Ironie verstanden haben. Pontius Pilatus machte sich nicht viel Mühe mit Jesus. Für ihn war ER nichts weiter als einer von vielen wirklichen oder möglichen Hochverrätern, der einen Aufstand gegen die Römer plante. Von daher stand schon vor dem Schnellverfahren das Urteil über Jesus fest: Tod durch Kreuzigung – eine langsame und qualvolle Todesfolter. Jesus würde nur einer von vielen hundert Judäern sein, die Pilatus kreuzigen ließ. Pilatus brauchte Ruhe in der Provinz und vor allem in der Stadt Jerusalem. Die Oberen in Rom sollten sehen, dass er alles im Griff hatte und sich eignete für einen noch höheren Posten.

    Grafik: J.Reichmann

    Der Prozess gegen Jesus war ein Schauspiel seiner Macht. Wir sehen nur die Hand des Pilatus, des mächtigsten römischen Beamten im ganzen Land. Eine einzige Handbewegung von ihm entschied über Leben und Tod. Daumen runter – und alles war aus. Noch ein paar letzte Stunden zurück in den Folterkeller der Burg Antonia, das war alles, was Jesus blieb. Qualvoll dehnte sich die Zeit, in der IHM die Folterknechte den Rest SEINES Lebens zur Hölle machten. Sobald es hell wurde, begann SEIN Weg zur Hinrichtungsstätte, Schritt für Schritt dem Tod entgegen. Jesus, der unschuldig war, wurde zum Tode verurteilt, nur weil einer die Macht dazu hatte.

    Daumen runter und alles ist aus. So schnell fallen Urteile über Leben und Tod in nicht wenigen Ländern bis heute, in unserer zivilisierten Welt des 21. Jahrhunderts. Römische Präfekten gibt es nicht mehr, aber ihre gewissenlosen und machthungrigen Nachfolger regieren große Länder dieser Erde. Machtmissbrauch ist teuflisch. Immer noch werden Menschen Opfer von Willkürjustiz und Menschenverachtung, sterben in Folterkellern oder werden in Schauprozessen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Amnesty International sammelt und veröffentlicht die Fakten.

    Aber es muss ja nicht immer gleich um Leben und Tod gehen. Wie schnell urteilen wir, wie schnell urteile ich über andere Menschen, senke innerlich den Daumen, weil ich sie nicht verstehe? Wie gehen wir miteinander um? Welche Machtspiele betreiben wir und wer bleibt dabei auf der Strecke? Es lohnt sich, in den Wochen der Passionszeit einmal ehrlich darüber nachzudenken, welche Denkmuster und welche Bilder wir im Kopf haben, die zu Urteilen über andere führen. Wie schnell sind wir mit unseren Urteilen bei der Hand oder haben wir da „Spielraum“?

    Ein schnelles, kaltes Urteil, das dem anderen keine Chance gibt, ist teuflisch, weil es den Menschen abwertet. Auch das geschieht in dieser sehr angespannten Zeit immer öfter: Da reicht schon eine andere Meinung, und der andere muss lesen oder hören, dass er keine Ahnung hätte, alles falsch sieht und macht und dass man mit ihm ab sofort nichts mehr zu tun haben will. Daumen runter, abgeurteilt. Und wenn es mit dem Symbol „Daumen runter“ in den „sozialen Netzwerken“ geschieht.

    Teuflisch, oder? Menschenwürdig jedenfalls nicht, denn fürchten wir uns nicht alle davor, von irgend jemandem ungerecht beurteilt oder gar verurteilt zu werden? Und christlich ist solch eine Art des Umgangs schon gar nicht. Der Verfasser des 1. Johannesbriefes schreibt etwa zu Anfang des zweiten Jahrhunderts nach Christi Geburt: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass ER die Werke des Teufels zerstöre.“

    „Zerstöre“, steht da, in einer schönen alten Verbform des Konjunktivs. ER möge die Werke des Teufels zerstören, soll es bitte tun, könnten wir heute umgangssprachlich eher sagen. ER kann es und nur IHM kann es endgültig gelingen, alles als teuflisch zu entlarven und zu überwinden, was uns hindert, menschlich und friedlich miteinander zu leben. Und ER eröffnet uns die Möglichkeit, IHM dabei zu helfen, als Menschen, die IHM vertrauen. Wenn wir es wagen, Schritte zum Frieden und zur Versöhnung zu gehen. Wie das geht, hat Jesus uns nicht nur gesagt, sondern auch vorgelebt. Und für den Anfang, für die allerersten Schritte auf diesem Weg in unserem Alltag, hilft auch eine ganz einfache, humorvolle Gebrauchsanweisung: „Vor dem Einschalten des Mundwerks Gehirn einschalten!“ Und die gilt erst recht für die (innere) Bewegung des Daumens. Amen

    Gebet:

    Wir bitten um DEIN Erbarmen HERR für alle, die von Berufs wegen Urteile fällen müssen, dass sie klug und unbestechlich prüfen, bevor sie sprechen.

    Wir bitten für alle ungerecht Verurteilten, dass DU ihnen auf DEINE Weise Gerechtigkeit verschaffst. Wir bitten für alle zu Unrecht Verfolgten und für alle, die vor Unrecht aus ihrer Heimat fliehen müssen.

    Wir bitten DICH für uns selbst, dass wir lernen, von vorschnellen Urteilen über andere loszukommen, zuzuhören und zu verstehen, was anderen am Herzen liegt.

    Wir bitten DICH, HERR, schenke uns die Geduld und den Mut, DEINEN Weg der Liebe zu gehen. Gib uns DEINEN guten Geist, der vergeben kann denen, die ihm wehtun.

    Wir bitten DICH, HERR, sei gnädig, dass den Bösen gewehrt und den Hungernden geholfen werden kann, dass die Friedlosen aufatmen und die Sterbenden DEINE Nähe erfahren. Tröste die Trauernden und stärke die Ängstlichen.

    Erbarmender Gott, erhöre uns. Amen

    Beten wir das Vaterunser:

    Vater unser im Himmel

    geheiligt werde Dein Name

    Dein Reich komme

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

    Unser tägliches Brot gib uns heute

    Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

    Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

    Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

    in Ewigkeit.

    Amen

    Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

    AMEN

  • Andacht
    Andachten

    Andacht für Sonntag Estomihi, 14. Februar 2021

    Schriftwort: Psalm 31, 2 -6

    Bei dir, Herr, habe ich Zuflucht gefunden. Lass mich nie in Schande geraten! Erweise mir deine Treue und rette mich!

    Neige dich zu mir herab und schenke meinem Rufen ein offenes Ohr! Befreie mich doch schnell aus meiner Not! Sei mir ein Fels, bei dem ich Schutz finde, eine Festung auf hohem Berg! Rette mich!

    Ja, du, du bist mein Fels und meine Burg! Du wirst mich führen und leiten – dafür stehst du mit deinem Namen ein.

    Befreie mich aus der Falle, die meine Feinde mir hinterhältig gestellt haben! Du bist mein Schutz.

    In deine Hände gebe ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott!

    Ich verabscheue alle, die nutzlose Götzen verehren, und ich selbst vertraue ganz dem Herrn.

    Voller Freude juble ich über deine Gnade: Du kennst mein Elend, kümmerst dich um meine Nöte, die so schwer auf meiner Seele liegen.

    Du hast mich nicht in die Hand meiner Feinde gegeben, weiten Raum hast du vor mir geschaffen.

    (Neue Genfer Übersetzung)

    Liebe Gemeinde!

    Der Sonntag vor der vorösterlichen Passionszeit trägt im evangelischen Kirchenjahr den lateinischen Namen „Estomihi“ – übersetzt: „Sei mir…“ und zitiert damit verkürzt den Gedanken des Psalms: „Sei mir ein Fels, bei dem ich Schutz finde, eine Festung auf hohem Berg! Rette mich!“. Diesen Hilfeschrei richtet der Beter des Psalms an Gott. Obwohl uns sein persönliches Schicksal nicht überliefert wurde, können wir es auch heute nachempfinden. Hilflos fühlte er sich, ausgeliefert, bedroht und schutzlos. Von Feinden spricht er, die ihm hinterlistige Fallen gestellt haben. Aber nicht nur Menschen können einem das Leben zur Hölle machen. Erfahrungen, die plötzlich ins alltägliche Leben einbrechen wie der Dieb in der Nacht – und alle gewohnten Sicherheiten über den Haufen werfen – die kennen wir doch auch, spätestens seit der Pandemie, oder? Plötzlich wurde wieder klar, dass diese Erfahrungen nicht die Sorgen einzelner sind, sondern alle betreffen können. Das bedeutet dann aber auch, dass alle mit diesen Erfahrungen umgehen und leben müssen.

    Auf welch ganz unterschiedlicher Art und Weise das geschieht, steht uns deutlich vor Augen. Klein reden oder ganz verleugnen bevorzugen die einen. „Wird schon wieder“, sagen die meisten und hoffen, einigermaßen glimpflich davon zu kommen. „Müssen wir irgendwie durch“. Andere sind unglaublich tapfer und einfallsreich und kämpfen sich durch die Krise, verlieren aber nur wenig Worte darüber. Allen gemeinsam ist: Der Blick bleibt gesenkt, auf die nächsten Tage und Wochen gerichtet. Die Schritte werden schwerer, je länger die Belastung anhält. Verunsichert sind wir und wenn wir überhaupt nach Gott fragen, dann kommt nur ein vorsichtiges „Wenn es DICH gibt, Gott, dann hilf doch!“ heraus.

    Der Beter des Psalms ist da ganz anders gestrickt. Es geht ihm wirklich nicht gut. Er stöhnt unter der Last seines Alltags. Aber er weiß, wohin damit. Er weiß, wem er sein Herz ausschütten kann und von wem er wirklich Hilfe erwarten kann. Er richtet in seiner Bedrängnis den Blick nach oben – und nicht nur das, sondern auch seine gefühlsgeladenen Worte wirft er vor den HERRN.

    All das, was ihn bedrückt, wovor er Angst hat und was ihm Sorgen macht, spricht er an. Und bittet Gott den HERRN um SEINE Hilfe. Klar und deutlich, ohne Umschweife, von ganzem Herzen. Seine Offenheit, seine Energie, ja sein Gottvertrauen beeindrucken uns. Könnten wir wie er auch in unserer Situation heute den HERRN bitten: HERR, hilf mir schnellstens aus meiner Not? DU bist mein Fels und meine Burg! Also sei es mir jetzt auch! Sei mir der Schutz, der DU immer schon warst! Sei mir der Gott, als den ich DICH immer schon geglaubt habe: der gerechte Gott, der starke Gott, der helfende Gott. Hier, jetzt, in diesem Moment, wo ich DICH brauche! Um DEINES Namens willen hilf mir! Nicht, weil ich besonders wichtig oder besonders gut wäre. Ich habe nichts zu bieten außer meinem Vertrauen.

    Könnten wir den HERRN so bitten, mit den Worten des Psalms oder mit unseren ganz eigenen Worten? Ja, das können wir. Denn dann gelingt es uns, den Blick zu heben in der Mühe des Alltags und den Beschwernissen der Krise. Dann öffnet sich uns der Horizont, den wir viel zu oft und viel zu schnell aus dem Blick verlieren angesichts der Herausforderungen unseres Lebens. Der Horizont, von dem nur die vage Sehnsucht bleibt, dass das Leben mehr sein kann als Essen und Trinken und Schlafen und sich Abmühen. Die Sehnsucht, dass es einen Sinn geben könnte in der kurzen Zeit unseres Lebens hier und dass am Ende mehr bleibt als der Satz: Sein oder ihr Leben war immer nur Arbeit.

    Der Beter des Psalms erinnert uns, dass hinter dieser Sehnsucht der Horizont Gottes aufgeht. Denn nur der HERR kann dem Leben wirklich einen Sinn geben. Und nur ER kann für wirkliche Gerechtigkeit sorgen, die allen gerecht wird und die in Ewigkeit Bestand haben wird. Die Gerechtigkeit, die Menschen niemals schaffen, weil das Menschengeschlecht von Anfang an den Kampf um persönliche Vorteile kämpft und es keine menschengemachte Gesellschaftsordnung geben kann, in der das einmal anders wäre.

    Im Horizont Gottes erkennen wir uns als die, die wir wirklich sind: Als Gottes Kinder, die Liebe und Nähe suchen und sich selber so schwer öffnen können. Als SEINE Geschöpfe, die viel zu oft mutlos und feige sind. Die immer wieder jammern und klagen über alles mögliche, es aber tunlichst dabei belassen. Als SEINE Kinder, die sich lieber am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen wollen als auf SEINE Hilfe zu vertrauen. Aber eben nicht nur das, sagt der Beter des Psalms. Wir erkennen uns doch auch in unserer Würde: Als Menschen, denen der HERR zugetan ist, die ER liebt, denen ER zuhört und die ER ernst nimmt mit allem und in allem, wie wir zu IHM kommen. ER nimmt uns an, wie wir sind, wenn wir IHM im Vertrauen begegnen. Wie heißt es im Psalm:

    In DEINE Hände gebe ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott!

    Die Gewissheit, dass Gott hilft, ist der Beginn der Hilfe in den Sorgen des Lebens. Das andere folgt nach. Der Psalm macht Mut, den Schrei des Herzens nach dem Leben an die richtige Adresse, vor Gott, zu bringen. In DEINE Hände gebe ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott!

    Bei Gott sind wir immer in guten Händen, was auch kommen mag. Mit dieser Gewissheit können wir den Unbilden der manchmal sehr ärgerlichen und verletzenden Welt begegnen und selbst in Hilflosigkeit und Ohnmacht standhalten.

    In DEINE Hände gebe ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott!

    In diesen Sätzen vereinen sich Lebensklugheit und Bescheidenheit, kindliches Vertrauen und das Wissen um die eigene Begrenztheit. Die Achtung vor der Größe Gottes, aber auch die innigste Beziehung zu ihm. In wessen Hände könnte ich es sonst wagen, mein Leben zu legen? Nichts kann uns getroster und stärker machen als dies. Amen

    Gebet:

    HERR, unser Gott, wir klagen DIR unsere Kurzsichtigkeit. Wenn es hart über uns kommt, sehen und hören wir DICH oft nicht.

    Wir bitten DICH: Gehe mit uns, hilf uns die Last zu tragen und mache unsere Dunkelheit hell.

    HERR, wir bringen alle vor DICH, die es schwer haben in diesen Tagen und bitten für die, die keine Kraft mehr haben. Schenke Ihnen ein Wort, das sie stärkt und sei auch im Schweigen.

    HERR, erbarme DICH, damit unsere Herzen weit werden für DEIN Lob und zum Aufatmen vieler und zum Kommen DEINES Reiches.

    Amen

    Vater unser im Himmel

    geheiligt werde Dein Name

    Dein Reich komme

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

    Unser tägliches Brot gib uns heute

    Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

    Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

    Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

    in Ewigkeit. Amen

    Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

    AMEN