Andacht
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Andacht | Laetare 22. März 2020

Andacht zum Sonntag Laetare 22. März 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

Heute ist der 4. Sonntag der vorösterlichen Fastenzeit. Im evangelischen Jahreskalender trägt er den Namen „Laetare“, auf deutsch „Freut euch“ – der Anfang des Psalms 84, der zur heute beginnenden Woche gehört. „Freut euch, denn die Hälfte der Fastenzeit ist geschafft“, so jubelten unsere Vorfahren an diesem Sonntag. Und das wäre auch für uns so, wenn alles so wäre wie immer. Ist es aber nicht, durch die Corona Pandemie.

Jetzt bekommt die Fastenzeit eine völlig neue Dimension. Sie erfasst die gesamte Gesellschaft, auch alle, die gar nicht mehr wissen oder wissen wollen, wozu, weshalb und überhaupt es eine Fastenzeit gibt. Und viel wichtiger noch: Die Fastenzeit geht in diesem Jahr viel tiefer als sonst. Sie ist plötzlich keine freiwillige Übung religiös motivierter Minderheiten mehr, sondern grundlegende Infragestellung der lieb gewordenen Lebensgewohnheiten der Bevölkerung.

Und das löst gewaltige Ängste aus, von denen zwei zum Massenproblem werden. Zum einen ist das die Angst vor dem Versagen: Ich könnte schlecht vorbereitet sein, nicht ausreichend vorgesorgt haben, zu kurz kommen, wenn es durch Corona doch irgendwann vielleicht zu Versorgungsengpässen kommen könnte. Und diese Angst bekämpfen sehr viele, indem sie ihre Wohnung umbauen zur Hamsterhöhle. So, als ob zig Pakete Toilettenpapier, ebenso viele Mehl- , Nudel- und Reispakete aufgetürmt werden könnten als ein Schutzwall gegen die böse Welt da draußen und vor einer Infektion schützten. Haben, Haben, Haben als Betäubungsmittel gegen die Angst. Die immer wieder leeren Regale in unseren Geschäften sind der Beweis.

Dazu kommt die zweite Angst, die vor allem junge und jüngere Leute in ihren Bann zieht: Die Angst, die Spaßgesellschaft zu verlieren durch die notwendigen Einschränkungen im Kampf gegen die Corona – Seuche. Die „sozialen Netzwerke“ machen´s möglich – und schon ist die „Corona – Party“ organisiert – wie mehrfach letzte Woche auch hier in Pößneck geschehen. So tun, als ginge mich das nichts an, was die Behörden sagen, wir lassen uns doch den Spaß nicht verderben, jetzt erst recht – und das alles aus Angst, dass einem der Spaß verboten werden könnte.

Übrigens: Ich bin mir sicher: Da gibt es nicht wenige, die vormittags hamstern und abends zur „Corona – Party“ gehen.

Die Ängste haben Kraft. Sie entwickeln einen Sog, dem man und frau sich kaum entziehen können. Dass das aber möglich ist, ist die Botschaft, der wir als Christen vertrauen dürfen. Ich möchte Sie/ Euch heute mitnehmen in eine biblische Geschichte, in der wir unsere aktuellen Erfahrungen wiederentdecken können. Das ist die Art der Bibellese, wie sie bei unseren Schwestern und Brüdern in den katholischen Basisgemeinden Südarmerikas üblich ist. Die Geschichte steht bei Matthäus im 14. Kapitel, Vers 24 -32 – hier in der Übersetzung der „Neuen Genfer Übersetzung“:

Das Boot befand sich schon weit draußen auf dem See und hatte schwer mit den Wellen zu kämpfen, weil ein starker Gegenwind aufgekommen war. 25 Gegen Ende der Nacht kam Jesus zu den Jüngern; er ging auf dem See. 26 Als sie ihn auf dem Wasser gehen sahen, wurden sie von Furcht gepackt. »Es ist ein Gespenst!«, riefen sie und schrien vor Angst. 27 Aber Jesus sprach sie sofort an. »Erschreckt nicht!«, rief er. »Ich bin’s. Ihr braucht euch nicht zu fürchten.« 28 Da sagte Petrus: »Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!« – 29 »Komm!«, sagte Jesus. Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser auf Jesus zu. 30 Doch als er merkte, wie heftig der Sturm war, fürchtete er sich. Er begann zu sinken. »Herr«, schrie er, »rette mich!« 31 Sofort streckte Jesus seine Hand aus und hielt ihn fest. »Du Kleingläubiger«, sagte er, »warum hast du gezweifelt?« 32 Dann stiegen beide ins Boot, und der Sturm legte sich.

Die Jünger kannten sich aus auf dem See Genezareth. Das war ihre vertraute Welt. Petrus, Andreas und noch einige von ihnen hatten das Fischerhandwerk von der Pike auf gelernt. Hier machte ihnen keiner etwas vor. Hier hatten sie alles im Griff. Auch eine Bootsfahrt bei Nacht – kein Problem. Das war ihr tägliches Geschäft zum Fischfang – außer am Sabbat natürlich. Ärgerlich die Wellen. Immer wieder Wasser im Boot. Mühsam das Kreuzen im Gegenwind, das verlängerte die Fahrzeit mindestens auf das Doppelte. Aber eine Herausforderung, mit der sie umzugehen wussten. Dass Jesus jetzt nicht bei ihnen war, empfanden sie nicht als Problem. Sie würden schon allein zurechtkommen.

So wie wir bisher der Meinung waren: Wir haben alles im Griff. Uns macht keiner was vor. Wir haben die technischen Möglichkeiten, die Infrastruktur, die starke Wirtschaft. Was soll uns schon gefährlich werden? Und wozu bitte schön, soll der alte Glaube an Jesus noch gut sein in der fast perfekten Welt? Zur persönlichen Seelsorge mag er noch taugen, aber sonst?

Und dann kam etwas auf die Jünger zu. Wie aus dem Nichts. Keine Ahnung, was das war. Noch nie gesehen. Keine Erfahrung, wie damit umzugehen wäre, diesem bedrohlichen Etwas, dem sie ausgeliefert waren auf ihrem schwankenden Boot mitten auf dem tiefen See in der finsteren Nacht. Sie schrien vor Furcht. Und sicher alle durcheinander – Kommandos, Flüche, Jammern – das ganze Programm. Die einen duckten ab, den anderen gingen die Manöver von dem, der das Steuer in der Hand hielt, nicht weit genug. Erkennen wir uns wieder?

Wie lange werden sie gebraucht haben, um aus ihrem eigenen Gebrüll und Gequatsche SEINE Stimme herauszuhören? Wie lange wird es gedauert haben, bis es auch beim Letzten angekommen war – und bis es wirklich bei uns angekommen sein wird? Dass die Gefahr zwar groß und mächtig ist – aber dass auch mitten aus dieser Bedrohung heraus die Stimme Christi zu uns sagt: »Erschreckt nicht!«, … »Ich bin’s. Ihr braucht euch nicht zu fürchten.« ICH BIN´S. Das ist die kürzeste Form des heiligen Gottesnamens. Der EWIGE selbst ist da, wenn uns die Angst packt vor der Zukunft.

Petrus, der sich am schnellsten fing, fasste Vertrauen und wagte den ersten Schritt aus der lähmenden Angst. Aber was dann kam, wissen wir, können wir nachfühlen. Denn wir kennen die Angst. Sie ist zäh. Sie kommt wieder. Sie gibt nicht so leicht auf. Und plötzlich ist er da, der Moment, wo sie uns packt. Wo wir den Halt verlieren, wenn wir meinen, uns hält keiner. Aber dann ist SEINE Hand da und zieht uns heraus. Die Worte allein sind es nicht. Sie können helfen und stärken und Mut machen. Dafür hat der HERR sie gesprochen und uns Menschen geschenkt.

Aber einem wirklich die Angst zu nehmen, das gelingt nur, wenn er sich von Christus berühren lässt, SEINE Hand greift und auf IHN allein vertrauen lernt. Und dafür ist diese besondere Fastenzeit im Jahr 2020 genau der richtige Anlass.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine behütete Woche

Ihr J. Reichmann, Pfr.