Andacht
Aktuelles,  Andachten,  Neuigkeiten Startseite

Andacht zum zweiten Sonntag nach Ostern, 26. April 2020, Sonntag vom guten Hirten

von Pfarrer Jörg Reichmann Pößneck

Zum Sonntag:

Die Sonntage der Osterzeit stehen seit alters her im hellen Licht der Auferstehung Christi und feiern den Sieg des Lebens über den Tod. So auch dieser Sonntag, der der Übertragung des uralten Gottesbildes vom guten Hirten auf Jesus Christus gewidmet ist. Schon lange vor Jesus durften die Menschen des Volkes Israel Gott als den guten Hirten erleben, der sein Volk immer wieder aus großer Gefahr und ernsthafter Bedrohung gerettet hat. Die ersten Christen erkannten in Jesus diese erbarmende Liebe des Herrn wieder.

Schriftwort: 1. Petrus 2, 21 -25

Auch Christus hat ja für euch gelitten und hat euch damit ein Beispiel hinterlassen. Tretet in seine Fußstapfen und folgt ihm auf dem Weg, den er euch vorangegangen ist –

er, der keine Sünde beging und über dessen Lippen nie ein unwahres Wort kam;

er, der nicht mit Beschimpfungen reagierte, als er beschimpft wurde, und nicht mit Vergeltung drohte, als er leiden musste, sondern seine Sache dem übergab, der ein gerechter Richter ist;

er, der unsere Sünden an seinem eigenen Leib ans Kreuz hinaufgetragen hat, sodass wir jetzt den Sünden gegenüber gestorben sind und für das leben können, was vor Gott richtig ist. Ja, durch seine Wunden seid ihr geheilt.

Ihr wart umhergeirrt wie Schafe, die sich verlaufen haben; doch jetzt seid ihr zu dem zurückgekehrt, der als euer Hirte und Beschützer über euch wacht.

(Neue Genfer Übersetzung)

Gedanken zum Schriftwort:

Liebe Schwestern und Brüder, ein Bild bleibt beim Lesen dieses Briefabschnittes sofort haften: Die Fußstapfen Christi, in die wir als seine Nachfolger treten sollen. Und sofort fragen wir uns: Wohin gehst du, HERR? Wir sind nicht die ersten, die diese Frage bewegt. Eine alte Legende über den Jünger Petrus erzählt:

Petrus soll in der Zeit des Kaisers Nero in Rom gewesen sein. Die Christen wurden in den Arenen von Löwen zu Tode gehetzt. Petrus aber brachte sich in Sicherheit, verließ die Stadt bei Nacht und Nebel. Er war noch nicht weit gekommen, da traf er plötzlich Jesus – den Auferstandenen. Er erkannte ihn wohl sofort und fragte erstaunt: „Wohin gehst Du, Herr?“ „Ich gehe“, sagte Jesus, „nach Rom, um dort ein zweites Mal gekreuzigt zu werden.“ Petrus verstand, bereute und kehrte um nach Rom. Dort starb er mit den anderen Christen. Über seinem Grab erhebt sich heute der Petersdom, eine der wichtigsten Kirchen der Christenheit.

Bis heute gehen Christen in vielen Staaten dieser Erde einen schweren Weg, werden aus reiner Willkür oder ideologischen Gründen benachteiligt, verfolgt, eingesperrt, getötet.

In Deutschland sieht das heute anders aus. Einseitige Verfolgung der Christen durch den Staat gibt es Gott sei Dank nicht, auch wenn vereinzelte Hitzköpfe das befristete Verbot von Gottesdiensten in der Corona – Krise in diese Richtung missverstehen wollen. Die Gefahr hat ein ganz anderes Gesicht: Nein, ich meine auch nicht die militanten Atheisten, die meist übers Internet ihre 150 Jahre alten kirchenfeindlichen Thesen verbreiten, aber dabei wer weiß wie schlau, überlegen und aufgeklärt daherkommen.

Die Gefahr ist vielmehr, dass viel zu viele Menschen behaupten, christlicher Glaube wäre nichts für sie, hätte mit ihrem Leben nichts zu tun, ließe sie einfach nur gleichgültig. Sie haben keinerlei Erwartungen mehr, nur noch ins Unterbewusstsein abgesunkene Vorbehalte.

Wie leben wir als Christen in einer Gesellschaft, die nur noch im Rückblick von sich behaupten kann, einmal das „christliche Abendland“ gewesen zu sein? Muss man da nicht kämpfen, missionieren? Dem Traum verpflichtet bleiben, als Christen wieder die Feuersäule zu sein, die als leuchtendes Zeichen Gottes der ganzen Gesellschaft den Weg durch alle Herausforderungen weist – statt doch nur der Sanitätstrupp zu bleiben, der am Rande die Verletzten und Versehrten betreut? Sich der Situation stellen, so wie der auferstandene Jesus, der nach Rom ging und Petrus?

„Wohin gehst du, HERR?“, fragte Petrus – und erschrak. Denn der HERR ging dorthin, wo es am allerschlimmsten war. Aber – und darüber erschrak Petrus mindestens genau so: Jesus kämpft nicht. Jesus heilt.

Der Weg, den Jesus geht, widerspricht so sehr dem, was Menschen für einen guten Weg halten. Statt nach Rom zu gehen und dem grausamen Kaiser Nero die Krone über die Ohren zu ziehen, liefert er sich den Mächten dieser Welt aus. Jesus geht selbst den Weg des Leidens bis zum bitteren Ende. Das dann durch Gottes Liebe zu einem neuen Anfang für uns alle wird.

Gott sorgt sich nicht um die Zukunft des christlichen Abendlands. Er sorgt sich um unsere Zukunft und um unseren Weg und lädt uns ein, den Fußstapfen Jesu zu folgen, die in SEINE Zukunft führen. Wir erkennen die Fußstapfen Jesu, wenn wir statt die anderen spüren zu lassen, wie stark wir sind, wie schlau und wie überlegen, ihnen mit Achtung und Nächstenliebe begegnen. Das fällt aus dem Rahmen dieser Welt, aber Jesu Botschaft ist kein Marsch, in dem alle im Gleichschritt zu marschieren haben.

Wer Jesu Fußstapfen folgen möchte, braucht keine Soldatenstiefel, denn ER führt weg von Machtansprüchen und Gewalt, hin zum Frieden, zur Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung. Sicher, dieser Weg führt oft genug durch unbekanntes Land und dunkle Täler. Aber wir können immer die Fußspuren Jesu entdecken, der bereits vor uns da ist, die Lage sichert und uns einen Weg zum Leben öffnet. Wie ein guter Hirte eben. Oder auch wie ein „Beschützer“, wie es in unserer Übersetzung des Schriftwortes heißt. Ursprünglich steht an dieser Stelle das Wort „Episkopos“ – auf deutsch: Bischof. Das war damals noch keine Amtsbezeichnung in der Kirchenhierarchie, sondern wurde wörtlich verstanden. Dann heißt es nämlich: Der Über – Schauer, der, der den Überblick hat, der weiß, wo es lang gehen kann, damit alle leben können. Und solch ein Episkopos kann nur Christus selber sein. Denn nur ER kann sagen: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matthäus 28,20)

Gebet:

Lasst uns beten zu Gott, der uns nahe ist in Jesus Christus: für alle, die gern glauben möchten, sich aber schwer tun angesichts der Finsternis der Welt, dass sie den Fußstapfen Christi wie einer Leuchtspur entdecken können.

Für alle, die gern glauben möchten, sich aber quälen mit Zweifeln. Hilf HERR, das sie weiter fragen und suchen und sich nicht täuschen lassen von denen, die auf alles eine Antwort zu wissen meinen.

Schenke uns Besonnenheit und Mut, Geduld und Verständnis füreinander und hilf uns, aus dieser Krisenzeit wirklich zu lernen.

Vater unser im Himmel

geheiligt werde Dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit

Amen

Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

AMEN