Andacht
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Andacht zum 1. Sonntag nach Ostern (Weißer Sonntag oder auch Quasimodo geniti – Wie die neugeborenen Kinder)

von Pfarrer Jörg Reichmann Pößneck

Zum Sonntag:

Der erste Sonntag nach Ostern wird auch „Weißer Sonntag“ genannt, weil in der alten Kirche an diesem Sonntag die Taufen aller neu zum Glauben gekommenen Menschen gefeiert wurde und diese dazu auch weiße Kleider trugen. Weiß ist die Christusfarbe, die SEINEN Sieg über den Tod symbolisiert. Der lateinische Ausdruck „Quasimodo geniti“ bedeutet auf deutsch: „Wie die neugeborenen Kinder“ – und hat auch einen direkten Bezug zur Taufe, mit der für die Getauften das neue Leben mit Christus beginnt.

Schriftwort: Jesaja 40, 26 -31

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir kommen von Ostern her. Mit dem frischen Wind des größten Freudenfestes der Christenheit im Rücken lebt es sich doch gut – selbst in schwierigen Zeiten! Oder ist Ostern schon wieder vorbei und abgehakt? Hat der Alltag uns wieder? Die Sorgen und Probleme mit der Krise und alles, was uns sonst zu schaffen macht? Bleibt von Ostern mehr als ein kurzes, müdes Lächeln?

Jesaja spricht zu den Müden in seinem Volk, zu allen Menschen, die keine Kraft mehr haben, weil ihnen die Hoffnung abhanden gekommen ist in all dem, was das Leben von ihnen fordert. Die Müden sind Menschen, die das Vertrauen verloren haben, dass sich noch etwas ändert. Sie trauen ihrer eigenen Kraft nicht mehr und erst recht nicht mehr ihrem Gott. Zu lange schon dauert die Verbannung. Zu wenig erinnert noch im Alltag an die alte Heimat.

Jesaja spricht in Gottes Namen zu den Müden in allen Zeiten und Völkern. Denn immer und überall gibt es die Enttäuschten, die Erschöpften, die Resignierten, die Traurigen – die, die den Blick nicht mehr heben können. Weil sie nichts mehr erwarten, außer dass es irgendwie weiter geht, aber eigentlich immer alles schlechter wird als es früher war in ihren Augen. Manche von denen werden zynisch, andere leichtsinnig bis zur Gedankenlosigkeit, wie wir jetzt in der Krise gerade wieder merken. Am Ende macht jede Form von Gleichgültigkeit müde und kraftlos.

Um aus diesen endlosen Schleifen und kraftraubenden Kreiseln heraus zu kommen, braucht es zunächst einmal einen gründlichen Perspektivwechsel. Wer die Gleichgültigkeit hinter sich lassen will, muss den Tunnelblick auf seine Welt aufgeben. Und genau dazu fordert Jesaja uns als erstes auf: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Und bevor unser Blick wieder leer nach unten gehen kann, füllt Jesaja ihn mit einer kurzen Frage: Wer hat all dies geschaffen? Wenn der Himmel nicht leer ist, dann bleibt unser Blick nach oben nicht leer, sondern bekommt den weiten Horizont der Herrlichkeit Gottes. Ein kostbarer Moment, ohne Zweifel.

Doch Jesaja weiß genau, wie schnell dieser Moment verfliegt, wenn sie im Raum stehen, die Fragen des Lebens: Wo ist Gott, wenn mein Lebensweg schwierig und anstrengend oder gar belastend und traurig wird? Warum habe ich nur so viel auszuhalten und anderen fällt alles zu? In Jesajas Worten: Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Ja, diesen Fragen müssen wir uns stellen oder sie werden uns von anderen gestellt. Es kommt der Punkt, an dem ein Ausweichen nicht mehr möglich ist. Denn diese Fragen bewegen uns selber immer wieder angesichts unserer Lebenserfahrungen.

Und Jesaja zeigt uns, wie wir mit diesen Fragen leben können. Er kommt uns nicht mit kernigen Sprüchen. Jesaja stellt Fragen, und mit den Fragen lädt er uns ein, zu erinnern:

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

Wer müde ist, braucht Zeit zum Nachdenken. Zeit zu suchen, was ihm gut tut, was er selber kann, wo seine Stärken liegen. Und genau danach fragt Jesaja: Seine Fragen rufen Erinnerungen wach an die biblischen Worte, die die Müden irgendwann einmal gehört hatten. Starke Geschichten von der Kraft Gottes, der die Welt geschaffen hat. Und seine Fragen eröffnen einen neuen Blick auf die eigene Lebenswirklichkeit, weil sie uns erinnern: Wir dürfen dem Schöpfer der Welt viel mehr zutrauen als das, was wir uns vorstellen können.

Seine Fragen tun uns gut. Wir selbst sind gefragt. Was für ein Glück, ein gefragter Mensch zu sein, zu wissen, dass es auf mich selbst ankommt, dass ich etwas sagen kann, das gilt. Gefragte Menschen sind herausgenommen aus der Gleichgültigkeit des Lebens. Und im Horizont der Herrlichkeit Gottes gesprochen: Gott ist ein Gott, dem kein Mensch gleichgültig ist, auch du und ich nicht. Er hat dich und mich schon gefunden und spricht: Fürchte dich nicht, mein Wort trägt dich, geh in deinen Tag, für den du lebst.

Jesaja schließt seine Worte an uns mit einem wunderschönen Bild: die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Das Vertrauen in Gott ist wie ein Aufwind, der den Adler durch die Lüfte gleiten lässt. Dieses Bild hat wieder etwas mit der Blickrichtung zu tun: Wer am Boden steht, sieht den Adler weit über sich fliegen, kommt sich klein vor und ärgert sich, dass er nicht fliegen kann. Dabei müsste er sich doch vielleicht selbst einfach nicht so gewichtig nehmen, die Flügel ausbreiten und den Sprung ins Vertrauen zu Gott wagen.

Wer vom Osterwind getragen wird, spürt die eigene Kraft und die Nähe des Auferstandenen, auch wenn sich der Alltag als mühsam und ungewohnt durch die vielen notwendigen Einschränkungen in der Krise gestaltet. Wer wie ein Adler getragen wird, der ist nicht nur frei, sondern sieht auch viel weiter als der am Boden. Sein Blick erfasst auch die anderen Mitmenschen, deren Lebenswege und Nöte. Der Horizont ist viel weiter und nicht nur das: Er sieht auch viel genauer, was am Boden ist, worauf es ankommt, was jetzt dran ist, damit das Leben in seinem Umfeld ein bisschen besser gelingt.

Gute Fragen, die uns Jesaja stellt und ein wunderschönes Bild, das er uns schenkt. Und vom Sonntag her weht noch die Zusage Christi an uns alle herein, die bei jeder Taufe gesprochen und gehört wird:

„Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ spricht Christus (Matthäus 28,20)