Andachten 2022

Andacht zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 21. 8.2022, Israel – Sonntag

Gedenktag der Zerstörung Jerusalems

Text: Klagelieder Jeremias 5, 20 – 21 (Predigt-
text)
Warum willst DU uns so ganz vergessen, uns
fern bleiben für alle Zeit? Bring uns doch,
HERR, zu DIR zurück! Dann wollen auch wir
umkehren! Schenk uns neues Leben wie in den
alten Tagen! (Basis – Bibel Übersetzung)
Gedanken zum Text:
Kaum zu glauben, dass diese Worte ungefähr
2500 Jahre alt sind! Ursprünglich beziehen sie
sich auf die Zerstörung Jerusalems im Jahr 586
vor Christus. Sie könnten aber durchaus auch
aus unserer Zeit stammen, oder? Empfinden
nicht viele unsere Zeit als „gottvergessen“ –
wenn sie dafür überhaupt noch eine „Antenne“
haben? Wünschen sich nicht die wenigen Gott-
gläubigen unserer Gegend endlich ein unmiss-
verständliches Zeichen des HERRN, das die
Menschen wieder „heimführt“ in die so leer ge-
wordenen Kirchen? Spätestens den letzten
Satz, die flehentliche Bitte um das neue Leben
wie in alten Tagen ( …wie vor der Krise) wür-
den wohl alle sofort unterschreiben, unabhän-
gig ihrer Weltanschauung oder ihres Glaubens.
Ehrlich: Wer sehnt sich momentan innerlich
nicht zurück ins Leben wie in den alten Tagen?
In denen war zwar auch nicht alles Gold, was
glänzte, aber es war allemal ruhiger und siche-
rer als jetzt mitten in der Krise. Der Blick zu-
rück ist also mehr als verständlich und die Bitte
ebenso. Das Problem ist nur: Die allermeisten
richten sie an die falsche Adresse. Eigentlich
sprechen sie sie gar nicht einmal direkt aus,
sondern verstecken sie in einer Erwartung – an
„die da oben“, „Politiker“ im allgemeinen und
die Bundesregierung im besonderen. Von der
wird erwartet, ja geradezu gefordert, dass sie
die Auswirkungen der weltumspannenden Kri-
se für uns mit einem Mal beseitigt – und das
bitte umgehend, damit das Leben ganz schnell
wieder so sein kann wie in den alten Tagen. Er-
schreckend, wie weit diese Erwartung an der
Wirklichkeit vorbeigeht! Zum einen, weil es
keine „Patentlösung“ gibt für diese Krise. Viel
zu viele Köche haben da einen giftig blubbernden Brei zusammengerührt, aus dem sie Gold
machen wie kaum je zuvor. Und zum anderen,
weil niemand die Zeit zurückdrehen kann. Zeit,
Leben ist Veränderung, die immer nur in eine
Richtung laufen kann. Auch für das Volk Israel
kam die gute alte Zeit nicht wieder, als sie nach
gut 50 Jahren Gefangenschaft zurück in ihre
Heimat durften. Da fingen sie bei Null an. Wer
weiß, wie wir aus der gegenwärtigen Krise her-
auskommen werden, was dann alles anders sein
wird als wir es bisher kannten. Nur eines ist ge-
wiss: Auch das wird keine gottlose Zeit sein.
Denn der HERR vergisst die SEINEN nicht –
wie wir an SEINEM Volk bis heute sehen kön-
nen.

Baum im Sommer

Gedanken zum Bild:
Mancher denkt beim Blick in die „alten Tage“ –
nicht nur in die vor der Krise, sondern wohl
auch in die der eigenen Jugend – wohl an einen
solchen breiten, ebenen Weg durch den strah-
lenden Sonnenschein. Da gab es nur ganz we-
nig Schatten am Wegesrand. Da „lief alles
glatt“ und wenn doch etwas entgegen kam –
kein Problem, auszuweichen war immer recht-
zeitig möglich, wenn man die Augen offen
hielt. Mag sein, dass da die Erinnerung noch
ein zusätzliches „goldenes Licht“ darüber legt.

Aber was soll ́s? Nur: Wer nur zurückschaut,
lebt riskant. Denn der Weg führt nun einmal
nur in die Zukunft, auch wenn er zunächst
kaum zwischen den Schatten erkennbar bleibt.
Aber sehen Sie den „Sonnenfleck“ im Hinter-
grund, in dessen Licht der Verlauf des Weges
aufleuchtet? Sehen Sie in seinem Licht, dass
der Weg auch durch die Schatten breit und eben
bleibt, gut begehbar? Übrigens ganz nebenbei
bemerkt: Wer sagt denn, dass wir bei „Schat-
ten“ immer „Schwarz sehen“, an Negatives
denken müssen? Sollte uns nicht gerade dieser
Dürresommer gelehrt haben, dass Schatten
durchaus ihr Gutes haben können, ja sogar hilf-
reich sein können zum Überleben? Wie und
was genau sich da zeigt, werden wir erst spüren
und erleben, wenn wir diese Wegstrecke selber
gehen – auf dem breiten, ebenen Weg, auf dem
wir nicht allein unterwegs sind. Denn der
HERR vergisst die SEINEN nicht. Möge ER
uns schenken, dass wir dann nicht mehr ge-
blendet sind vom strahlenden Glanz unseres
Wohlstands, sondern neue, weitsichtige Ein-
sichten gewinnen, mit denen wir unser Leben
neu gestalten.