Text: Römerbrief 2, 10+11 (Lehrtext der Herrnhuter Losung zum 28.10.2022)

Paulus schreibt: Herrlichkeit und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

Gedanken zum Text:

Über diesen Vers lässt sich trefflich streiten. Genauer: darüber, was das Gute sei, wie es zu tun ist – und in der Gegenwart auch besonders: wer wohl das Gute tut. Da gehen die Meinungen ja zurzeit so weit auseinander und prallen aufeinander wie lange nicht. „Klimaaktivisten“  kontra Geplagte des unverschämten Energiepreiswuchers, Friedensbewegte kontra Aufrüstungsbefürworter, Selbstdarsteller mit einfachen Erklärungen und „Patentlösungen“ gegen „die da oben“, Putinfreunde kontra Menschenrechtler – die Liste ließe sich endlos fortsetzen und ist offen für jede neue Kombination.  Für jede Gruppe ist „das Gute“ mitunter genau das Gegenteil dessen, was es für die andere Gruppe ist. Nur wer der „Gute“ ist, ist jeweils sonnenklar: natürlich die eigene Gruppe. Die anderen haben es eben nur noch nicht begriffen. Paulus  würde erschüttert und verständnislos den Kopf schütteln. Denn für ihn gab es keine Frage, was das Gute ist und wie es zu tun sei: Man befolge im Leben die Gebote Gottes, gern auch für Eilige zusammengefasst im Gebot der Gottes – und Nächstenliebe. Was dann dabei herauskommt, ist gut für alle, gar keine Frage. Deshalb hat nach Paulus jede und jeder ein kräftiges Lob verdient, der  ernstlich versucht, nach Gottes Gebot zu leben, eben „das Gute“ zu tun. Von „Herrlichkeit“ kann er sogar sprechen und von „Ehre“. Anerkennung wäre auch schon mal ein Anfang statt Spott über „Gutmenschen“ oder „Weltverbesserer“. Was ist das für ein Zeitgeist, so frage ich entsetzt, der das Wort „Gutmensch“ zum bissigen Spott verdreht? Ganz neu scheint der Spott, die Häme und der Gegenwind für die, die das „Gute“ tun, aber nicht zu sein. Denn bei Paulus klingt das aus meiner Sicht auch an, wenn er diesen Menschen ohne Ansehen der Person, der Weltsicht, der Glaubenswege oder der Herkunft  Frieden wünscht. Ja, es braucht die Allianz der „Gutmenschen“, derer, die das Gute tun, um die Belastungen der gegenwärtigen Krise tragen zu können – und zwar auch an der „Basis“ und nicht nur bei „denen da oben“. Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.  – wie Paulus uns schon sehr richtig in Erinnerung ruft.                          

 

Gedanken zum Bild:

Eine enge Gasse zwischen historischen Holzhäusern, kaum mehr als zwei, höchstens drei Meter breit, darüber noch mehrere Übergänge: Die Geschäftigkeit dieses alten Handelsviertels ist bis heute zu spüren, obwohl es längst zum Museum geworden ist. Was mich besonders beeindruckt: Wie einfallsreich die Menschen damals sein konnten, wenn sie auf kurzem Weg zueinander finden wollen, für wichtige Gespräche und Verhandlungen vielleicht oder zum Meinungsaustausch. Von oben nach unten, von links nach rechts und umgekehrt, alles kein Problem – zwei Brücken über die Gasse machen´s möglich. Ich denke, sie könnten uns für unsere Gegenwart einen wichtigen Impuls geben, denn mit dem Austausch und dem miteinander Reden klappt es ja zurzeit wirklich nicht wirklich. Da verharrt lieber jeder auf „seiner Seite“ der Gasse, um weiter im Bild zu sprechen. Dadurch kommen wochenlang keine Entscheidungen zustande, auf die alle warten. Keine Brücke, noch nicht einmal ein einfacher Steg ist in Sicht. Erst ein klärendes Wort des Chefs macht den Weg frei. Leider ist das nicht nur bei „denen da oben“ so. Oft genug ist das auch zwischen Nachbarn oder gar in Familien ganz ähnlich, nur dass da eben kein weisungsberechtigter Chef die Sache „klären“ könnte.  Was fehlt, sind die mutigen Brückenbauer, die vor gewagten Konstruktionen nicht zurückschrecken, um die Menschen wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Klar, das kann nicht jeder. Aber es braucht auch Hausbesitzer auf beiden Seiten der Gasse, die den Brückenbauern die Gelegenheit geben, ihre Kunst zu zeigen. Das „wertet“ nicht nur die eigene Immobilie „auf“, sondern ist immer eine sichtbare Einladung, hinüberzugehen.