Text: Philipperbrief 2, 15+16 (Herrnhuter Lo-
sung zum 10.10.2022)
Paulus schreibt: Ihr scheint als Lichter in der
Welt, dadurch dass ihr festhaltet am Wort des
Lebens.
Gedanken zum Text:
Neulich gab es eine Führung für zahlreiche In-
teressierte in und um die Pößnecker Stadtkir-
che. Dabei kam während der Betrachtung ver-
schiedener Steinmetzarbeiten auch das mittelal-
terliche Empfinden der Menschen zur Sprache.
Sie fühlten sich ständig durch dunkle Mächte,
den Teufel und seine dämonischen Helfer, in
ihrer Existenz bedroht. Mich beeindruckte, dass
nach dieser Erklärung keiner der Gäste als „re-
alistischer“ Mensch milde über diese Vorstel-
lung lächelte, wie es in den vergangenen Jahren
immer wieder vorgekommen war. Zu deutlich
ist gegenwärtig unsere Erfahrung, dass auch
wir Machtspielen mit Gewalt und Wucher mehr
oder weniger ohnmächtig ausgeliefert sind.
Klar wissen wir heute, dass diese Machtspiele
rein menschengemacht sind und nichts Überna-
türliches an sich haben. Doch Ängste wecken
und nähren sie dennoch, weil sie undurch-
schaubar und bedrohlich sind. Aufmerksam
hörten die Gäste zu, als ich fortfuhr: Nur im
Gotteshaus, so vertrauten die mittelalterlichen
Menschen, haben die dunklen Mächte keine
Chance, weil sie gebannt sind durch den aufer-
standenen Christus. Dem kann keine Macht der
Welt mehr etwas anhaben, noch nicht einmal
der Tod. Klar, dass sie die Kirche(n) auch als
Zufluchtsort und Schutzraum verstanden. Die-
ses Verständnis gab es auch noch 1989 in der
Zeit der friedlichen Revolution in unserem
Land, als die Kirchen oft überfüllt waren. Da-
bei sind es weniger die Kirchen – Gebäude, die
Schutz bieten. Es ist viel mehr das Vertrauen in
„das Wort des Lebens“, wie es Paulus so schön
schreibt an die Christen der Gemeinde in Phi-
lippi, denen er sich auf ganz besondere Weise
verbunden fühlt. Er weiß von ihrer bedrohli-
chen, „dunklen“ Lage durch die römische
Christenverfolgung, aber eben auch von ihrem
festen Gottvertrauen, das anderen verängstigten
Menschen ein Licht der Hoffnung ist. Paulus
spricht sie alle an – und damit auch uns heute.
Denn jeder Christ kann seine kleine Welt etwas
heller machen, wenn er festhält am Wort des
Lebens im Reden, Tun und Lassen. Mag sein,
dass so mancher „realistische“ Mensch darüber
nur milde lächelt oder gar abwertend fragt:
„Was soll das bringen? Werden damit die Pro-
bleme gelöst?“ Sicher, die Machtspiele und
ihre Folgen werden wir auch zukünftig aushal-
ten müssen. Aber das Wort des Lebens stärkt
uns dafür den Rücken und hält den Blick frei
für das, worauf es wirklich ankommt.

Stausee

Gedanken zum Bild:
Ein Segelboot im Abendlicht – was für ein ro-
mantisches Bild. Es erinnert an die schönen Ur-
laubstage im Sommer, an Erholung und unver-
gessliche Eindrücke. Das Bild vom Boot auf
dem Meer steht auch symbolisch für das Le-
ben. Heißt es nicht so treffend, wenn unsere
Welt beschrieben wird: „Wir sitzen alle in ei-
nem Boot?“ Wer erinnert sich nicht an die zahl-
reichen „Boot- Geschichten“ aus den Evangeli-
en, zum Beispiel vom „kleingläubigen Petrus“
oder der „Stillung des Sturmes“? Noch einmal
zu unserem Bild: Besonders schnell kommt das
Boot nicht voran. Der Wind ist so schwach,
dass das Segel am ersten Mast kaum gebläht
ist. Am zweiten Mast haben es die Leute erst
gar nicht gesetzt. Hätten sie keinen Hilfsmotor
an Bord, könnten sie nur abwarten. Eine Boots-
fahrt, die zur Geduldsprobe würde. Ist es nicht
auch im übertragenen Sinn oft so, dass wir das
Gefühl haben, es geht nicht recht voran, es
bräuchte eine frische Brise, damit es wieder
vorwärts geht? Immer nur das Einerlei des All-
tags… Andererseits gibt es nicht wenige Men-
schen, die wünschten sich gerade für ihren All-
tag, dass ihnen der Wind endlich weniger heftig
um die Ohren bliese, sei es nun in ihrem Ar-
beitsleben oder in persönlichen Herausforde-
rungen und Sorgen. Das Segelboot auf dem
Meer als Symbol für das Leben. Stimmig wird
es, wenn wir das Wissen der alten Seeleute er-
innern: Auf See ist man in Gottes Hand. Denn
es ist allein SEINE Gnade, wenn unsere Le-
bensfahrt einst an das große Ziel SEINER
Ewigkeit gelangt und es uns vorher noch gelin-
gen mag, so manches unserer Wunschziele an-
zusteuern, ohne Schiffbruch zu erleiden.