Jahr 2022

Andacht zum 2. Sonntag nach Epiphanias, 16.1.2022

Text: Epheser 1,3 (Lehrtext vom 14.1.2022)

Gelobt sei Gott, der Vater unseres HERRN Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.


Gedanken zum Text:

Krisen machen kurzsichtig. Das ist zunächst verständlich, denn die Menschen müssen sich bildlich gesprochen „vor die Füße schauen“, um die nächsten Schritte mit Bedacht zu gehen. Schließlich wollen sie ja wieder herauskommen aus der Krise. Aber je länger die Krise dauert, umso stärker wird die Kurzsichtigkeit. Die Übersicht geht verloren, die Eindrücke verschwimmen und es kommt zu bedenklichen Fehlschlüssen, wenn die Leute nicht mehr unterscheiden können zwischen Ursache und Wirkung, zwischen gefährlichem Krankheitserreger und anstrengenden Eindämmungsmaßnahmen. Nicht nur in der Pandemie ist die menschliche Kurzsichtigkeit ein Grundproblem. Was zählt, ist einzig der schnelle Erfolg, der rasche Gewinn, die sofortige Entscheidung, der augenblickliche Genuss im Hier und Jetzt. Nicht wenige meinen, dass die Erfüllung dieser Ansprüche sichtbare Zeichen des Segens seien. Gesegneten müsse es sichtbar besser gehen als anderen. Sie müssten eine Art sorgenfreies Leben führen können. Da das aber in Reinkultur nicht vorkomme, wäre die Frage zu stellen, was dann der Glaube überhaupt nütze. Wieder so ein extrem kurzsichtiger Fehlschluss, von dem seine Vertreter meinen, er sei der Weisheit letzter Schluss. Was aber hilft gegen die Kurzsichtigkeit – nicht nur in der Krise? Zuallererst wohl die Glaubens- und Lebenserfahrung, dass es äußerst hilfreich ist, sich auch einmal etwas sagen zu lassen, sich seinen Blick und am Ende sogar seinen Horizont weiten zu lassen. Genau das geschieht, wenn wir diesen Satz aus dem Epheserbrief lesen, der das genaue Gegenteil von kurzsichtig ist. Der Verfasser stellt uns die Weite des göttlichen Segens vor Augen, der bis in den Himmel reicht – und der überhaupt nicht an äußerlichen Zeichen erkennbar sein muss. Denn auch Menschen, die ein ganz einfaches Leben mit Höhen und Tiefen führen, können für ihre Mitmenschen zum Segen werden. Zum Beispiel dann, wenn sie den HERRN von Herzen bitten: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden. Denn das bewahrt ganz bestimmt vor Kurzsichtigkeit, nicht nur in der Krise. Möge der HERR diese Bitte erfüllen!

Foto: Privat (J. Reichmann)

Gedanken zum Bild:

Zarte Schneekristalle liegen auf den dunkel verfärbten Blättern der Elsbeere. Nur in diesem Kontrast sind sie als einzelne Kristalle wahrzunehmen. Ohne ihn würden sie einfach in der Schneefläche der darunter liegenden Wiese verschwinden. So aber können wir ihre Zartheit erkennen – und auch ihre Vergänglichkeit. Ein wenig angetaut sind sie schon. Noch einmal hat der Nachtfrost sie gefrieren lassen. Aber lange wird es nicht mehr dauern, und sie werden verschwunden sein. Sie sind gleichzeitig ein Bild für die Schönheit und für die Vergänglichkeit. Das eine sind schöne, oft auch glückliche Augenblicke, das andere ist die nüchterne Tatsache, mit der wir leben müssen. Gerade am Anfang eines neuen Jahres wird uns bewusst, wie „schnell“ die Zeit vergeht. Mit steigendem Lebensalter verstärkt sich dieser Eindruck unwillkürlich, obwohl weiterhin jeder Tag seine 24 Stunden und das Jahr seine 365 Tage hat. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach den schönen Augenblicken, die durch die Krise noch einmal ganz außerordentlich verstärkt wird. Ich bin mir sicher: Sie sind auch jetzt da diese Momente. Wir können sie spüren, wahrnehmen, vielleicht sogar sehen wie die Schneekristalle auf den Blättern, wenn wir die Augen und die Sinne offen halten für den weiten Horizont des Segens Gottes, den ER für uns bereithält – jetzt und über alles hinaus, was wir uns vorstellen können.

Gebet:

HERR, unser Gott, DU Schöpfer des Lebens, himmlischer Vater, wir danken DIR, dass DU das Leben, das kommt und geht, trägst in DEINER Barmherzigkeit und Liebe, die zu spüren ist, wo Menschen sich auf Augenhöhe begegnen.

HERR, unser Gott, wir bitten DICH, wenn wir DEINER Liebe im Wege stehen durch unseren Stolz und Eigensinn, bringe uns zurecht. Ermutige uns, DIR zu vertrauen und DEINEM Weg zu folgen.

HERR, unser Gott, schenke uns einen Blick mit weitem Horizont, Ohren, die zuhören, Hände, die zufassen, wo Hilfe fehlt, Worte, die trösten, stärken und versöhnen und Gedanken des Friedens.

HERR, unser Gott, stehe denen bei, die in unserer Welt Not leiden, die keiner hört und niemand sieht. Sei nahe den Trauernden und den Sterbenden, die DEINE Hand suchen auf ihrem letzten Weg.

Erbarmender Gott, lass DEIN Licht des Lebens leuchten, schenke DEINEN Geist allen, die Verantwortung tragen und Entscheidungen fällen, dass es hell werde um uns und durch uns im Vertrauen auf DEINE Liebe.

Amen

Beten wir das Vaterunser:

Vater unser im Himmel

geheiligt werde Dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

AMEN