Osterzeit 2021

Andacht zum Sonntag Rogate (5. Sonntag nach Ostern) 9. Mai 2021

Schriftwort: 1. Timotheus 2, 1-6

So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen zuerst tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, auf dass wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Denn solches ist gut und angenehm vor Gott, unserem Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Gedanken zum Text:

Rogate – betet! – So lautet der alte Name des heutigen Sonntags. Betet! – und zwar nicht nur für euch selbst, sondern für alle Menschen. Der evangelische Pfarrer Fritz Heinrich (von 1927 bis 1939 in Pößneck – Jüdewein) predigte zu diesem Wort am 6. Mai 1945 (ebenfalls Sonntag Rogate) in Zeulenroda:

„Unser Text spricht von einer besonderen Art des Betens, von der Fürbitte: „Betet für alle Menschen!“ Warum sollen wir das? Weil „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Ein wunderbares Gotteswort, das uns froh machen kann in dieser Zeit der Trauer.

Hier habt ihr den schroffen Gegensatz zwischen dem Nazismus und dem Christentum. Der Nazismus hat den Hass gelehrt gegen fremde Rassen, gegen alle Menschen und Völker, die ihn ablehnen. Das Christentum aber lehrt: „Betet für alle Menschen!“ Auch die Juden sind Gottesgeschöpfe, die wir lieben, für die wir beten sollen. … Ein Christ hat die Juden nie hassen können. Stammt doch unser Heiland seiner Leiblichkeit nach aus dem jüdischen Volk, waren doch alle Apostel Juden.

Die unmenschliche Grausamkeit des Nazismus gegen die Juden und gegen politisch anders Denkende in den Konzentrationslagern aber ist eine Schmach, die das deutsche Volk nie wieder von sich abwaschen kann. Allein in Buchenwald, dessen Belegschaft zwischen 80000 und 120000 schwankte, sind über 73000 unschuldige Menschen ermordet oder dem Hungertod preisgegeben worden!

So tief war die Kirche geknechtet, dass sie kein einziges Wort zu diesen Unmenschlichkeiten sagen durfte. Und wenn einmal einem Pfarrer das Gewissen explodierte, wurde er abgeführt….

Ich habe in Pößneck dasselbe erfahren. Allein in Buchenwald schmachteten über 1000 evangelische und katholische Pfarrer. Jetzt ist dieser entsetzliche Gewissensdruck von uns genommen, wir dürfen wieder beten für alle Menschen.

Ohne Ausnahme. Die Kirche ist für alle da, ganz gleich, welche politische Überzeugung sie haben. … Wer zur Erkenntnis der Wahrheit kommen will, und die Botschaft Gottes annimmt, dem wird Gott durch das Evangelium seine Wahrheit offenbaren…. Wir beten für alle Menschen. Besonders für die unzähligen unschuldigen Opfer dieses sinnlosen und schrecklichen Krieges.“ (Predigttext zur Verfügung gestellt von der Tochter Pfr. Heinrichs)

Auch heute zieht dieser Krieg noch seine Spuren durch die Seelen der Menschen. Die Nachkommen der Opfer „erben“ die Traumata. Die Nachkommen der Täter müssen sich mit ihrem „Erbe“ auseinandersetzen. Beten wir für sie und bitten Gott um SEINE Hilfe für ein friedliches Miteinander in unserer Gesellschaft in der gegenwärtigen Krise.

Gedenktafel für Pfr. Fritz Heinrich in der Kirche Jüdewein

Entwurf: J. Reichmann; Ausführung: Kunstschmiede Gerhard, Knau; Foto: Privat (J. Reichmann)

Gedanken zum Bild:

Pfarrer Fritz Heinrich war ein einfacher, bescheidener Mann. Dennoch geriet er während seiner Amtszeit in Pößneck – Jüdewein durch seine dem Evangelium verpflichteten Predigten in den Fokus der NSDAP – Spitzel. 1937 wurde er denunziert und von der Gestapo verhaftet. Nach einer Woche Haft in Weimar wurde er zwar freigelassen, die Thüringische Landeskirche belegte ihn jedoch mit sofortigem Berufsverbot. Erst nach mehr als einem Jahr wurde er nach Zeulenroda versetzt, wo er unter Auflagen wieder tätig sein durfte. Die Gedenktafel in der Kirche Jüdewein erinnert an sein Gottvertrauen und seinen Mut in der menschenverachtenden Zeit der Naziherrschaft.

Gebet:

HERR, unser Gott, nimm uns hinein in den weiten Horizont DEINER Liebe, damit wir unsere Welt, unsere Mitmenschen und uns selbst mit DEINEM Blick sehen lernen.

Dann, HERR unser Gott, werden wir unser Herz auftun und beten, weit mehr als für uns selbst und unsere eigenen Sorgen.

HERR, unser Gott, wir bitten DICH für die Menschen, die auch heute noch gezeichnet sind von Krieg und Not, für die, denen das Nötigste zum Leben fehlt oder die gequält werden.

Wir bitten DICH auch für die Fragenden und Suchenden, für die Verunsicherten und Ängstlichen, die niemandem mehr trauen in dieser Welt.

HERR, unser Gott, wir bitten DICH für alle, die andere Menschen auf welche Art auch immer leiden lassen. Bringe sie zur Besinnung und hilf ihnen zu erkennen, was sie tun.

Wir bitten DICH für alle, deren Kraft zu Ende geht, deren Hoffnung in den letzten Zügen liegt und die sich völlig verlassen fühlen.

HERR, unser Gott, nimm unser Gebet auf DEIN Herz und hilf, dass es besser mit uns und DEINER Welt werde. Amen

Beten wir das Vaterunser:

Vater unser im Himmel

geheiligt werde Dein Name

Dein Reich komme

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Unser tägliches Brot gib uns heute

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen

Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

AMEN